Full text: Theoretische Sozialökonomie

$ 25. Das Angebot von Kapitaldisposition. J 
den gewöhnlichen Schwankungen des Zinsfußes unabhängige gegebene 
Größe des Problems wäre‘). 
Die hier betonte relative Unabhängigkeit der Kapitalbildung vom 
Zinsfuß gilt, wie gesagt, solange der Zinsfuß sich innerhalb der im tat- 
sächlichen Wirtschaftsleben gewöhnlichen Grenzen bewegt. Ganz 
anders stellt sich aber die Sache für den Fall, daß der Zinsfuß wesent- 
lich unter das bisher übliche Minimum, sagen wir wesentlich unter drei 
Prozent fallen würde. Die nähere Analyse dieses hypothetischen Falles 
ist von sehr großer Bedeutung für die Zinstheorie. Denn wenn es die 
Aufgabe dieser Theorie ist, nicht nur die tatsächlichen Bewegungen des 
Zinsfußes zu erklären, sondern auch zu untersuchen, weshalb und in- 
wiefern der Zins eine notwendige Erscheinung des Wirtschaftslebens 
ist, dann muß sie auch die Frage beantworten, was die Folgen sein 
würden, wenn der Zinsfuß unter seine gewöhnliche Höhe sänke und sich 
der Ziffer Null näherte. Erst eine solche Untersuchung kann uns zeigen, 
warum der Zinsfuß sich gerade in der tatsächlich gegebenen, ziffermäßig 
bestimmten Höhe, sagen wir zwischen 3 und 5%, bewegt, und erst die 
Beantwortung dieser Frage, nicht aber lose qualitative Betrachtungen 
über das Wesen des Zinses, gibt uns eine vollständige Theorie des 
Zinses. 
Ein Fallen des Zinsfußes wesentlich unter die bisher übliche untere 
Grenze würde ein allgemeines Verzehren der Ersparnisse veranlassen. 
Außerdem würde auch die Fürsorge für die Zukunft in größerem Um- 
fang als bisher die Form des Erwerbs von Leibrenten anstatt eines An- 
sammelns eines Kapitals mit entsprechendem Jahresertrag nehmen. Da 
aber auch diese Folge vom Gesichtspunkt eines Verzehrens der Er- 
sparnisse gesehen werden kann, können wir uns mit einer Analyse des 
Einflusses des Zinsfußes auf das Verzehren des Kapitals begnügen. Wir 
werden finden, daß die Wirkungen eines Falles des Zinsfußes von der 
angedeuteten Stärke für den Kapitalmarkt verhängnisvoll werden 
müßten. 
Denken wir uns einen Kapitalisten, der ausschließlich von den 
Zinsen seines Kapitals lebt. Besitzt er eine Million Goldmark, und hat 
er bisher davon einen Zinsertrag von 4%, also 40000 Mark, und hat er 
ferner seinen Lebensstandard diesem Einkommen angepaßt, so wird er 
wahrscheinlich bei einem Sinken des Zinsfußes bis auf 31/,% gewisse 
Einschränkungen in seinen gewöhnlichen Ausgaben machen und sein 
Budget auf die immer noch recht hübsche Ziffer von 35000 Mark be- 
schränken. Eine fortlaufende Beschränkung würde ihm vielleicht noch 
als möglich erscheinen, wenn der Zinsfuß auf 3% zurückginge. Nehmen 
wir aber an, der Zinsfuß fiele auf 4,%, dann würde unser Millionär 
sicher die Reduktion seines Jahreseinkommens Vollständig unerträglich 
finden und es vorziehen, statt von lumpigen 5000 Mark zu leben, sein 
= 2) Vgl. Marshall: Principles, Book V, Ch. Ill, 8 2 und Book Vi, Chi Hy 84 
21€
	        
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