Zu Kap. VI. Der Kapitalzins.
Käpital allmählich zu verzehren. Rechnet er, daß er noch 25 Jahre
zu leben hat, kann er doch in dieser Weise wenigstens sein früheres
Einkommen von 40000 Mark genießen. Will er auch für seine Kinder
sorgen, wird er vielleicht eine Periode von 50 Jahren genügend finden
und sein Kapital in dieser Periode, also mit !/,, für jedes Jahr, ver-
zehren. Das wird ihm immer noch einen Jahresunterhalt von 20000 Mark
— die Zinsen ungerechnet — liefern.
Aus diesem einfachen Beispiel erkennen wir, wie die Frage be-
antwortet wird, ob ein Rentner, der schon seine Zinsen vollständig ver-
braucht, bei sinkendem Zinsfuß auch sein Kapital verzehren soll. Das
Entscheidende ist offenbar die relative Vermehrung des Einkommens,
die er durch diese letzte Methode erzielen kann. Diese Vermehrungs-
quote wächst offenbar stark, sobald der Zinsfuß unter die gewöhnlichen
Sätze fällt. Im übrigen hängt sie aber auch wesentlich von der Länge
der Periode, für welche das Kapital reichen muß, ab. Je kürzer diese
Periode ist, desto mehr gewinnt der Rentner durch das Verzehren seines
Kapitals. Dies ist die Ursache, warum auch bei den tatsächlich herr-
schenden Zinssätzen viel Kapital von älteren Personen mit kleinen Ver-
mögen durch Ankauf von Leibrenten verzehrt wird: sie gewinnen
durch das Verzehren ihres Kapitals eine bedeutende Erhöhung ihres
Jahreseinkommens.
Die relative Vermehrung des Jahreseinkommens durch Verbrauch
des Kapitals variiert also mit dem Zinsfuß, sowie auch mit der Länge
der Verbrauchsperiodel). Ob ein Verbrauch des Kapitals zustande
kommt, hängt natürlich in gewissem Umfang auch von der absoluten
Höhe des‘ Jahreseinkommens ab, das bei einfacher Verzinsung des
Kapitals erhalten werden kann. Die sehr reichen Leute würden wahr-
scheinlich ein Sinken des Zinsfußes länger vertragen können, ohne zum
Kapitalverbrauch zu greifen. Wir sehen auch heute, daß die Leibrente
vorzugsweise von Leuten mit relativ kleinem Kapital gewählt wird,
Wenn aber der Zinsfuß nur hinreichend tief sinkt, muß der Zinsertrag
auch der größten Kapitalien fürchterlich zusammenschrumpfen und
der Kapitalverbrauch als die einzig mögliche Rettung erscheinen.
Eine allgemeine Verbreitung der Gewohnheit, das Kapital in dieser
Weise zu verbrauchen, würde offenbar das Angebot von Kapitaldisposi-
tion so stark vermindern, daß jeder weitere Fall des Zinsfußes durch
die verschärfte Knappheit des Kapitals verhindert werden müßte. Be-
sonders stark müßte sich diese Reaktion geltend machen, wenn der
Zinsfuß auf diejenigen Sätze herunterfiele wo der Kapitalverbrauch für
die Hauptmasse der Kapitalisten eine Vergrößerung des Jahresein-
kommens auf mehr als das doppelte gestatten würde.
Jede Verlängerung der Verbrauchsperiode ist natürlich ein Moment,
1) Für einige Berechnungen hierüber siehe „Nature and Necessity of Interest‘,
p. 148 u. folg.
ZU