Full text: Theoretische Sozialökonomie

8 26. Die Bestimmung des Zinsfußes. 223 
dagegen der Zinsfuß auf 2% oder gar darunter fallen, so würde sich 
das Angebot von Kapitaldisposition sehr stark vermindern. 
Dieses Angebot ist, wie wir gesehen haben, gleich dem Unterschied 
zwischen Sparen und Überkonsumtion. Bei jedem denkbaren Zinsfuß 
würden sich diese beiden entgegengesetzten Wirtschaftsrichtungen 
geltend machen: kein Zinsfuß ist so hoch, daß er eine Überkonsumtion, 
also einen Verbrauch von Kapital oder von künftigem Einkommen 
vollständig verhindern würde. Es gibt immer Fälle, wo mehrere hundert 
Prozent gern bezahlt werden, wenn eine gegenwärtige Bedürfnis- 
befriedigung nicht unter günstigeren Bedingungen durch Aufopferung 
einer künftigen gekauft werden kann. Anderseits ist kein Zinsfuß niedrig 
genug, um jedes weitere Sparen zu verhindern. Auch wenn auf keine 
Verzinsung zu rechnen wäre, würden Massen von Leuten Einkommens- 
teile für künftige Bedürfnisse zurücklegen und Kapitalisten nicht ihr 
gesamtes Kapital augenblicklich konsumieren. 
Gegenwart und Zukunft haben also für verschiedene Wirtschaften 
sehr verschiedene Bedeutung. Es ist nicht möglich, die in dieser Be- 
ziehung unendlich wechselnden Verhältnisse durch eine einfache Formel, 
etwa als eine allgemeine Unterschätzung künftiger Bedürfnisse oder 
künftiger Güter im Verhältnis zu gegenwärtigen zu beschreiben. Das 
jeweilige Angebot von Kapitaldisposition ist durch die Handlungsweise 
der verschiedenen Wirtschaften beim gegebenen Zinsfuß bestimmt, geht 
als Resultante aus der großen Mannigfaltigkeit von einander teilweise 
entgegenwirkenden Kräften hervor. Diese Resultante kann aber nicht 
im allgemeinen angegeben werden, sondern bezieht sich wesentlich auf 
einen bestimmten Zinsfuß und verändert sich mit dem Zinsfuß. Wenn 
also das Angebot von Kapitaldisposition eine Funktion des Zinsfußes 
ist, kann die Bedeutung dieses Angebots für den Zinsfuß offenbar nur 
in der Art, in welcher das Angebot gegen Veränderungen des Zinsfußes 
reagiert, liegen, also auch nur durch die Form derjenigen Funktion, die 
die Abhängigkeit des Angebots vom Zinsfuß darstellt, angegeben werden. 
Die Zinstheorie erfordert eine Kenntnis der allgemeinen Form dieser 
Funktion und kann sich gar nicht mit einer unbestimmten Versiche- 
rung, daß die Resultante der vielen verschiedenen Schätzungen der 
Zukunftsgüter in Gegenwartsgütern eine Unterschätzung der Zu- 
kunftsgüter ist, begnügen. 
8 26. Die Bestimmung des Zinsfußes. 
Sobald wir den Zins als den Preis der Kapitaldisposition auffassen 
ist die Stellung des Zinses im allgemeinen Preisbildungsprozeß unmittel- 
bar klar: der Zins hat wie jeder andere Preis die sozialökonomische 
Funktion, die Nachfrage so weit zu beschränken, eventuell auch das 
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