Full text: Theoretische Sozialökonomie

Kap. VI. Der Kapitalzins. 
Wirtschaft notwendig macht. Denn wenn für die Nutzungen der repro- 
duzierbaren dauerhaften Güter Preise berechnet werden würden, die 
lediglich die Vergütung für die Abnutzung, aber keinen Zins enthielten, 
so würden die Ansprüche der Konsumenten auf solche Güter so. stark 
wachsen, daß sie überhaupt nicht befriedigt werden könnten. Man 
braucht nur an den Wohnungsbedarf bei einer Preisbildung ohne Zins 
zu denken. Wollte die sozialistische Tauschwirtschaft eine solche Preis- 
bildung durchführen, so würde sie sich vollständig unersättlichen An- 
sprüchen auf Wohnungen gegenübergestellt sehen. So auch auf anderen 
Gebieten. In den Ansprüchen der Konsumenten liegt direkt oder in- 
direkt eine Nachfrage nach Verwendung dauerhafter Güter, also eine 
Nachfrage nach Kapitaldisposition, welche notwendig begrenzt werden 
muß. Dies kann in der Tauschwirtschaft nur durch die Preisbildung, 
also nur durch Berechnung eines Zinses geschehen. Aus diesem Grunde 
müßte auch eine sozialistische Gesellschaft einen Zins berechnen. Dies 
bedeutet, daß für jede Bedürfnisbefriedigung, die eine Kapitaldisposition 
in Anspruch nimmt, ein Preis berechnet wird, der über die Arbeits- 
und sonstigen Kosten hinaus einen der Kapitaldisposition proportionalen 
Zuschlag enthält. Dadurch werden die Preise der verschiedenen Güter 
in sehr verschiedenem Grade verteuert, die Wohnungen wesentlich 
mehr als die Kleider usw. Nur bei einer solchen Preisbildung ist es 
möglich die zur Verfügung stehende Menge von Kapitaldisposition in 
richtigen Verhältnissen auf die verschiedenen Zweige der Bedürfnis- 
befriedigung zu verteilen. Auch die sozialistische Gesellschaft kann 
sich der Notwendigkeit einer solchen Preisbildung nicht entziehen. 
Die Leitung der sozialistischen Tauschwirtschaft, die nach unseren 
Voraussetzungen die ganze Leitung der Produktion in ihren Händen 
hätte, müßte ferner beständig erwägen, welche Produktionsmethoden 
die billigsten seien, besonders wie weit Kapitaldisposition für andere 
Produktionsfaktoren substituiert werden sollte. Es wäre offenbar un- 
möglich diese Berechnung auf die Voraussetzung zu bauen, daß für die 
Kapitaldisposition kein Preis in Betracht gezogen zu werden brauchte. 
Denn ein solches Verfahren würde, wie aus unserer Diskussion dieses 
Problems hervorgeht, die Leitung der Produktion auf vollständig un- 
haltbare Wege führen. Die sozialistische Gesellschaft würde deshalb 
genötigt sein, ihren gesamten Produktionsberechnungen und damit 
ihrer ganzen Leitung der Produktion einen bestimmten Zinsfuß zu- 
grunde zu legen. 
Wenn nun einmal ein Zinsfuß bestimmt wäre, so würde damit die 
Wahl der Produktionsmethoden, folglich auch die Preise der fertigen 
Güter und die Nachfrage der Konsumenten nach diesen Gütern und 
somit endlich die gesamte Nachfrage nach Kapitaldisposition bestimmt 
sein. Setzen wir voraus, daß diese Nachfrage in einem Jahre eine ge- 
wisse Vermehrung des Kapitals notwendig macht, so muß also die sozia- 
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