Full text: Theoretische Sozialökonomie

8 30. Die Preisbildung der Bodennutzung. Zl 
verhältnis der beiden Produktionsmittelgruppen ist der Preis des Pro- 
dukts nicht nur gleich den gesamten Produktionskosten pro Einheit der 
Produktmenge, sondern auch gleich den Kosten des Extrazuschusses von 
Kapital und Arbeit oder den gleich großen Kosten des Extrazuschusses 
vom Boden, der zur Herstellung einer weiteren Einheit des Produkts 
erforderlich ist. 
Diese Wahrheit, die natürlich für die beiden konkurrierenden Pro- 
duktionsmittel von gleicher Bedeutung ist, hat man einseitig für den 
Aufwand von Kapital und Arbeit geltend gemacht, indem man die 
ganze Theorie der Preisbildung auf den Satz bauen wollte, daß der 
Preis der Bodenprodukte von den Kosten desjenigen Aufwands von 
Kapital und Arbeit bestimmt wird, der zur Gewinnung der letzten Pro- 
dukteinheit auf einer gegebenen Bodenfläche nötig ist. Aus diesem 
Satz hat man geschlossen, daß der Produktenpreis ausschließlich von 
den Kapital- und Arbeitskosten — nämlich auf der Grenze des Kapital- 
und Arbeitsaufwandes auf einer gegebenen Fläche — abhängt, daß 
also die Knappheit des Bodens keine Einschränkung der allgemeinen 
Regel, daß Produktenpreise von den Kapital- und Arbeitskosten be- 
stimmt werden, bedeutet. Diese Lehre kulminiert in dem berühmten 
Ricardoschen Satz, daß die Bodenrente kein Element in den Pro- 
duktionskosten oder im Preise des Produktes bildet. Damit war der 
Boden als Produktionsfaktor in eine Sonderstellung versetzt, und es war 
der Grund gelegt zu einer Differenzierung zwischen der Rente einerseits 
und den Preisen der übrigen Produktionsfaktoren anderseits, die in 
ihren Konsequenzen die ganze Aufstellung der theoretischen Ökonomie 
bestimmen mußte und die vielleicht am schärfsten in dem großen Werke 
Marshalls zutage tritt. 
Der wahre Inhalt dieser ganzen Lehre wird am besten beleuchtet, 
wenn man sich klarmacht, daß in derselben Weise und mit derselben 
Berechtigung der Satz aufgestellt werden kann, daß ‚,der Preis der 
Bodenprodukte von den Kosten derjenigen Extrabodennutzungen, die 
zur Gewinnung der letzten Produkteneinheit bei einem gegebenen Auf- 
wand von Kapital und Arbeit nötig sind, bestimmt wird‘. Aus diesem 
Satze könnte man auch schließen, daß der Produktenpreis ausschließlich 
von den Kosten der marginellen Bodennutzung abhängt und daß also 
Kapital und Arbeitskosten kein Element in den Produktionskosten 
bilden. Daß ein solcher Gedankengang viel zu künstlich ist, um über- 
haupt ernstlich in Betracht zu kommen, daran zweifelt doch niemand. 
Die hier betonte Gleichstellung von Kapital und Arbeit einerseits 
und Bodennutzung anderseits ist für den praktischen Landwirt offenbar. 
Oft dürfte sich für ihn sogar der Kapital- und Arbeitsaufwand als der 
relativ fixierte Faktor, der Umfang der Bodennutzung als der vorwiegend 
bewegliche darstellen. Für eine ganze Volkswirtschaft ist jedoch — wird 
man _ vielleicht einwenden_ — die Bodenmenge gegeben, während der 
Cassel, Theoret, Sozialökonomie, 4. Aufl. 
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