286
Kap. VIII. Der Arbeitslohn.
Streben hat dazu geführt, daß das Substitutionsprinzip bei der Behand-
ung des Preisbildungsproblems in den Vordergrund gestellt wurde, un
daß der Voraussetzung, daß der eine Produktionsfaktor den anderen
kontinuierlich verdrängen kann, ein ungebührliches Gewicht beigelegt
wurde. Von den Darstellungen der Lehrbücher, die diesem Gedanken
gang folgen, bekommt man oft die Vorstellung, als ob die genannte
oraussetzung eine notwendige Bedingung für die Bestimmtheit de
reisbildungsproblems wäre. Wir müssen aber, wie schon früher be-
merkt, an eine Preisbildungstheorie die Forderung stellen, daß sie
in erster Linie einen ausschließlich vom Prinzip der Knappheit be-
stimmten Preisbildungsprozeß, wo also insbesondere von der Möglich-
keit einer Substitution abgesehen wird, zu erklären imstande ist.
Gegen eine Theorie des Arbeitslohns, die auf dem Begriff der Grenz-
produktivität aufbaut, muß ferner, wie überhaupt gegen jede Grenzpro-
duktivitätstheorie, der Einwand geltend gemacht werden, daß die Grenz-
roduktivität selbst keinen objektiv gegebenen Faktor-des Preisbildungs-
roblems darstellt, sondern in Wirklichkeit eine der Unbekannten
des Problems ist und mit den übrigen Unbekannten dieselbe Stellung
innimmt. Solange wir unsere Betrachtungen auf einen bestimmten
roduktionszweig, wo nur ein einziges Produkt hergestellt wird, be-
chränken, ist es immerhin möglich, die Grenzproduktivität wenigstens
als einen selbständig bestimmten Begriff aufzufassen. Das „Grenz-
produkt‘‘ ist ein gewisser konkreter Teil des Gesamtprodukts. Wenn
aber dieselbe Arbeit in mehreren verschiedenen Produktionszweiget
erwendet wird, ist offenbar nicht einmal eine solche konkrete Auf-
fassung des Grenzprodukts länger möglich. Die Grenzproduktivität muß
in allen Produktionszweigen dieselbe sein und kann deshalb nur als
in Anteil an den Preisen der verschiedenen Produkte aufgefaßt werden.
Diese Preise werden aber u. a. durch die Bedingung bestimmt, daß die
etrachtete Arbeit in allen verschiedenen Produktionszweigen den-
selben Preis’ haben muß. Ihre Grenzproduktivität kann dann über-
haupt nicht als etwas anderes definiert werden als eben dieser Preis.
enn dieser Preis stellt eben den Beitrag der betreffenden Arbeit
um Preise des Produkts dar. Der Satz, daß der Lohn von der Grenz-
roduktivität der Arbeit bestimmt ist, verliert dann jeden selbständigen
inn. AA
Es ist schließlich auch zu beachten, daß das Zurückführen des
rbeitslohns auf die Grenzproduktivität der Arbeit uns überhaupt
einen Aufschluß gibt über die Abhängigkeit des Arbeitslohns von den
Anstrengungen und der Tüchtigkeit der Arbeiter. Denn welche Wirkung
eine Steigerung der Effektivität der Arbeit auf ihre Grenzproduktivität
at, ist gewiß nicht von vornherein klar, sondern ist vielmehr eine
Frage, die zum eigentlichen Kern des Lohnproblems gehört. Die Effek-
tivität der Arbeit ist eben ein Begriff, dersich auf die technische Ver.