Full text: Theoretische Sozialökonomie

$ 34. Moderne optimistische Lohntheorien. y 
Lohnproblem einbezogen hat. Das ganze Problem wurde ohne Zweifel 
on der älteren Nationalökonomie viel zu sehr vereinfacht und schema- 
tisiert. Ganz besonders war es notwendig, das Angebot von Arbeit, das 
man früher als eine lediglich arithmetische Größe zu charakterisieren 
sich begnügte, in seiner Bedingtheit von der Zusammensetzung und 
der Rekrutierung der Lohnarbeiterklasse, von der Erziehung, Berufs- 
bildung und von der durch die Organisation der Produktion und des 
Arbeitsmarkts wesentlich. mit beeinflußten Entwicklung des Arbeiters 
und seiner produktiven Leistungsfähigkeit, also mit einem Worte in 
seiner Abhängigkeit von sozialen Faktoren zu untersuchen.” sw” 
Es genügt aber nicht, daß solche Gesichtspunkte in die Behand- 
lung des Problems hineingebracht werden. Sie müssen einer einheit- 
lichen ökonomischen Theorie des Arbeitslohns untergeordnet werden. 
Der Satz, daß der Arbeitslohn durch ökonomische Notwendigkeiten be- 
stimmt ist, muß in den Vordergrund gestellt werden. Die Art des ökono- 
ischen Zusammenhangs, der den Arbeitslohn mit den gegebenen 
Faktoren des Lohnproblems verbindet, muß erforscht und somit der 
Rahmen klargelegt werden, innerhalb dessen eine richtige Erkenntnis 
der Wirkung’ dieser Faktoren und der Bedeutung jedes einzelnen für 
das Ganze erst möglich ist. Die sozialpolitische Theorie des Arbeitslohns 
— Wenn diese Bezeichnung für eine ziemlich unbestimmte Richtung 
gestattet ist — kann insofern als eine optimistische Theorie bezeichnet 
erden, als sie die Möglichkeit einer Erhöhung des Arbeitslohns oder 
allgemeiner, einer Hebung der Lage der Lohnarbeiter durch sozial- 
politische, innerhalb der Willensphäre der ‘Menschen liegende Maß- 
nahmen besonders stark betont. Es darf aber nie vergessen werden, daß 
olche Maßnahmen nur durch den Mechanismus der Preisbildung auf 
die Arbeitslöhne wirken, daß ihr Zweck nur dann, wenigstens im all- 
gemeinen und dauernd, erreicht werden kann, wenn sie eine reale 
eränderung der Marktlage herbeizuführen vermögen. Die sozialpoli- 
ische Theorie kann deshalb überhaupt nicht als eigentliche Theorie des 
Arbeitslohns anerkannt werden, solange sie das Studium der Marktlage 
beiseite schiebt, und die soziale Seite des Problems losgelöst von der 
ökonomischen behandeln zu können wähnt. Es liegt auch auf der Hand, 
elche große praktische Bedeutung eine richtige Einsicht in die wahre 
Stellung der sozialen Faktoren im Preisbildungsprozeß der Arbeit für 
eine vernünftige Leitung der Gewerkschaftspolitik und überhaupt der 
Bestrebungen der Arbeiter, sowie auch der allgemeinen staatlichen und 
Kommunalen Sozialpolitik hat. Die Erfahrung jeden Tages lehrt, wie 
dringend notwendig es ist, daß unsere Sozialpolitik im weistesten Sinne 
des Wortes von dem Bewußtsein durchdrungen und bestimmt wird, daß 
ie ökonomische Notwendigkeiten nicht beiseite setzen kann, sondern 
innerhalb_des von ihnen bestimmten Rahmens arbeiten muß. um 
Die _Gewerkschaftsbewegung selbst hat natürlich immer insofern 
<Cassel, Theoret, Sozialökonomie, 4. Aufl.
	        
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