Full text: Theoretische Sozialökonomie

$ 34. Moderne optimistische Lohntheorien. 291 
ganze Wirtschaftsleben ist durch eine viel größere Beweglichkeit charak- 
terisiert. Der Absatz kann niemals als eine gegebene Quantität be- 
trachtet werden. Jeder Beruf muß im allgemeinen mit allen anderen um 
die Kaufkraft der Konsumenten kämpfen und besonders mit anderen 
Berufen, die dieselben oder ähnliche Bedürfnisse auf anderen Wegen be- 
friedigen, konkurrieren. Außerdem besteht innerhalb jedes Berufes im 
allgemeinen eine Konkurrenz zwischen den Produzenten in verschiede- 
nen Orten und besonders in verschiedenen Ländern. Der Umfang des 
Absatzes oder der Beschäftigung ist unter solchen Verhältnissen nicht 
von vornherein gegeben. Er kann vermehrt werden, wenn die Effektivi- 
tät der Arbeit erhöht wird und dadurch das Produkt verbessert oder 
verbilligt wird. Er kann aber auch vermindert werden, wenn die Effekti- 
vität hinter derjenigen der Konkurrenz zurückbleibt. Der moderne 
Produzent kann sich nie darauf Verlassen, daß die Quantität Beschäf- 
tigung, die er einmal hat, ihm erhalten bleibt. Die in älteren Zeiten ge- 
wissermaßen berechtigte oder jedenfalls verständliche Teilungspolitik 
entbehrt unter solchen Umständen eines festen Ausgangspunktes und 
muß durch eine Politik ersetzt werden, die auf die höchst mögliche 
Effektivität, also auf das Streben, den Ansprüchen der Nachfrage in 
möglichst vollendeter Weise entgegenzukommen, eingerichtet ist. Was 
so für die produktive Tätigkeit im allgemeinen gilt, hat auch speziell 
für die Lohnarbeiterklasse volle Geltung und ihre Gewerkvereinspolitik 
hat dieser Tatsache in gewissem Umfang Rechnung tragen müssen. 
Das Ehepaar Webb hat, was man eine ideale Theorie der moder- 
nen Gewerkschaftspolitik nennen könnte, aufgestellt!), Der Kern der 
Gewerkvereinspolitik liegt nach dieser Theorie in der Normalisierung 
der Arbeitsbedingungen jedes Berufes, Diese Normalisierung schließt die 
Konkurrenz der Arbeiter untereinander nicht aus. Vielmehr ersetzt sie 
die frühere „freie‘‘, oft in schädlicher Richtung wirkende Konkurrenz 
durch eine regulierte. Während die frühere unregulierte Konkurrenz 
oft leicht zu einem Unterbieten im Annehmen niedriger Löhne und 
schlechter Arbeitsbedingungen führte, ist die durch die Normal- 
bedingungen regulierte Konkurrenz eine Konkurrenz um eine Beschäf- 
tigung, die nur unter diesen Bedingungen zu haben ist, also ein Wetteifer 
in Tauglichkeit, der in der Richtung einer Erhebung der ganzen Arbeiter- 
klasse sowohl in bezug auf Lebenshaltung wie auch auf Produktivität 
wirken muß, Die Politik der Normalbedingungen übt auch auf die 
Unternehmer insofern eine günstige Wirkung aus, als sie diejenigen 
Unternehmen unterdrückt, welche die Normallöhne zu zahlen und im 
übrigen die Normalbedingungen aufrechtzuerhalten nicht vermögen, 
und früher nur mit Hilfe unterbezahlter Arbeit, billigerer aber schlech- 
terer Arbeitsräume usw. sich aufrechtzuerhalten vermochten. Die 
Notwendigkeit, die Normalbedingungen zu erfüllen, zwingt in dieser 
5 1) Industrial Democrac; . 
V. 
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