8 35. Die Stellung der Arbeit im Preisbildungsprozeß.
$ 35. Die Stellung der Arbeit im Preisbildungsprozeß.
Eine allgemeine Lohntheorie muß davon ausgehen, daß die Arbeit
ein Produktionsfaktor und der Arbeitslohn der Preis dieses Produk-
tionsfaktors im allgemeinen Preisbildungsprozeß ist. Erst auf diesem
Wege wird es möglich, die Lohntheorie als einen organischen Teil in
eine einheitliche Preisbildungstheorie einzufügen.
Die Nachfrage nach ‘den fertigen Produkten ist nach dieser Auf-
fassung zum Teil, direkt oder indirekt, eine Nachfrage nach Arbeit. Der
Arbeitslohn ist also ein Ausdruck für die Schätzung der betreffenden
Arbeit seitens der Konsumenten oder, allgemeiner, seitens der Nach-
frage. Dieser Gesichtspunkt muß den Kern der Lohntheorie bilden.
Nun ist in jeder Einheitsperiode die Gesamtnachfrage nach den ele-
mentaren Produktionsmitteln gleich dem Gesamteinkommen, d. h. gleich
dem Gesamtergebnis der Produktion. In demselben Verhältnis, wie sich
die Nachfrage nach den verschiedenen Produktionsmitteln verteilt,
verteilt sich also auch dieses Gesamteinkommen oder dieses Gesamt-
produkt. Man ist somit berechtigt, den Satz aufzustellen, daß das ge-
samte Arbeitseinkommen gleich dem der Mitwirkung der Arbeit ent-
sprechenden Anteil am Gesamtergebnis der Produktion ist. Diese
Formulierung hat den Vorteil, daß sie die Abhängigkeit des Arbeits-
einkommens vom Ergebnis der Produktion hervorhebt. Nur muß
das Wort „Anteil“ richtig verstanden werden, d. h. der Anteil muß
als eine erst durch den Preisbildungsprozeß zu bestimmende Größe
aufgefaßt werden. So formuliert und gedeutet, steht die Produktivitäts-
theorie in keinem Gegensatz zu einer Theorie, die den Arbeitslohn als
ein Ergebnis des allgemeinen Preisbildungsprozesses betrachtet.
Der Preis der Arbeit wird, wie überhaupt der Preis jedes Produk-
tionsfaktors, durch ihre relative Knappheit bestimmt, also durch das
Angebot von Arbeit im Verhältnis zur Nachfrage nach ihr. Diese
Knappheit kann also nicht lediglich vom Gesichtspunkte des Arbeits-
angebots beurteilt, sondern muß immer im Verhältnis zur Nachfrage
betrachtet werden. . Und die Gesamtnachfrage hängt von der Gesamt-
produktion, diese wiederum von der gesamten Menge der Arbeits-
leistungen ab. Es ist beim Studium des Arbeitslohns besonders not-
wendig, diese allgemeine Abhängigkeit des Einkommens des einzelnen
Produktionsfaktors vom Gesamtergebnis der Produktion hervorzuheben,
weil eben die gesamte gesellschaftliche Arbeitsleistung nicht mit der
Zahl der Arbeiter gegeben ist, sondern von dem Willen der Arbeiter
abhängt, und weil mangelnde Klarheit über die Abhängigkeit des
Arbeitslohns vom Gesamtergebnis der Produktion die Bestrebungen der
Arbeiterwelt noch mehrfach in falschen Richtungen beeinflußt,
Im allgemeinsten Sinne ist der Produktionsfaktor „Arbeit“ als die
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