Full text: Theoretische Sozialökonomie

$ 35. Die Stellung der Arbeit im Preisbildungsprozeß. 295 
bezahlt werden muß. In diesem Sinne ist der von den Unternehmern 
bezahlte Arbeitslohn, ebensowohl wie der direkt von den Konsumenten 
bezahlte, durch die Knappheit der betreffenden Arbeit im Verhältnis 
zur Nachfrage nach ihr bestimmt. Allerdings kommen bei den un- 
aufhörlichen Bewegungen des wirklichen Wirtschaftslebens auch Ab- 
weichungen von dieser idealen Preisbildung vor, und der Arbeitslohn 
kann dann in gewissen Produktionszweigen, an gewissen Orten, in ge- 
wissen Unternehmungen zeitweise höher oder niedriger stehen, als er 
nach solcher idealer Preisbildung stehen sollte. Ohne Zweifel besitzt 
die Arbeit als Element des Preisbildungsprozesses besondere Eigen- 
tümlichkeiten, die eine solche Unregelmäßigkeit der Preisbildung be- 
fördern. Wie aber die Lage des gedachten idealen Marktes für die wirk- 
lichen Arbeitslöhne wesentliche praktische Bedeutung hat, so haben wir 
auch in der Theorie in erster Linie die Preisbildung des Idealmarktes ins 
Auge zu fassen und die Frage aufzustellen: welchen Lohn würde die und 
die Art von Arbeit bekommen, wenn sie vollauf das, was die Marktlage 
gestattet, aber auch nicht mehr, bekäme? 
Es ist nicht möglich, eine in allen Einzelheiten vollständig aus- 
geführte Arbeitslohntheorie hier vorzuführen. Wir müssen uns darauf 
beschränken, den allgemeinen Rahmen einer solchen Theorie klarzulegen. 
Diesen mit einer auf ein umfassendes, leider noch zum großen Teil 
fehlendes Tatsachenmaterial aufzubauenden, eingehenden Schilderung 
der Wirklichkeit auszufüllen, muß der Einzelforschung überlassen 
bleiben. Für uns muß es eine Hauptaufgabe sein, die Lohntheorie in 
ihrem organischen Zusammenhang mit der allgemeinen Preisbildungs- 
theorie darzustellen, den Arbeitslohn in seiner Abhängigkeit vom ge- 
samten Preisbildungsprozeß und besonders von den übrigen Produktions- 
faktoren zu betrachten. In diesem Paragraphen haben wir zunächst die 
allgemeine Stellung der Arbeit als Produktionsfaktor und als Element 
des Preisbildungsprozesses näher festzustellen. 
Für diesen Zweck ist es zunächst notwendig, den Unterschied 
zwischen Arbeit und Arbeiter zu betonen. Die Arbeit ist der Dienst des 
Arbeiters. Es besteht also hier ein analoger Unterschied, wie zwischen 
den dauerhaften Gütern und den Nutzungen derselben. Welche große 
Bedeutung dieser letzten Unterscheidung zukommt, haben wir früher 
gesehen. Der Unterschied zwischen Arbeit und Arbeiter ist kaum 
weniger wichtig, und das Übersehen desselben veranlaßt häufig Un- 
klarheiten in Untersuchungen über den Arbeitslohn. Das Verhältnis 
zwischen Arbeit und Arbeiter zeigt aber besondere Eigentümlichkeiten. 
Während die Menge der Nutzungen einer Gruppe von dauerhaften 
Gütern von ihrer Seite durch die Menge der Güter selbst bestimmt ist, 
ist dies nicht so in bezug auf die Arbeit. Denn die Ausnutzung des 
Arbeiters liegt zum Teil in seinem eigenen Willen. Die Menge der dar- 
gebotenen Arbeit bildet deshalb gewissermaßen eine selbständige Größe,
	        
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