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und derselbe Geldlohn verschiedene Bedeutung für den Haushalt des
Arbeiters haben kann. Sobald man die Wirkung der Lohnhöhe auf die
Lage der arbeitenden Klassen beurteilen will, ist es notwendig, den
Reallohn oder vielmehr das Realeinkommen des Arbeiters ins Auge
zu fassen, also das ermittelte Geldeinkommen auf ein gewisses durch-
schnittliches Preisniveau der von den Arbeitern konsumierten Güter
zurückzuführen. In unserer theoretischen Behandlung des Preisbildungs-
prozesses gehen wir aber von der Voraussetzung aus, daß das durch-
schnittliche Preisniveau sämtlicher Konsumtionsgüter unveränderlich
erhalten bleibt. Die Bedeutung dieser Voraussetzung liegt auf dem
Gebiete des Geldwesens und kann erst im Zusammenhang mit der Be-
handlung desselben näher angegeben werden. Unter dieser Voraus-
setzung kann man aber wenigstens approximativ von der Unterscheidung
zwischen Geldlohn und Reallohn absehen. Wir werden uns dem-
nach in den folgenden Untersuchungen immer nur auf den Geldlohn
beziehen.
—$ 36. Die Nachfrage nach Arbeit.
Es soll nun zunächst die Preisbildung für die Arbeit unter der
Voraussetzung studiert werden, daß die Menge der Arbeit jeder ver-
schiedenen Art und Qualität, die auf dem Arbeitsmarkt zur Verfügung
gestellt wird, eine gegebene, d. h. von der Preisbildung unabhängige
Größe des Problems ist, und es soll das so bestimmte Preisbildungs-
problem unter besonderer Berücksichtigung der auf der Seite der Nach-
frage wirksamen Faktoren näher beleuchtet werden.
Die Preisbildung der. Arbeit ist, wie die Preisbildung überhaupt,
in erster Linie vom Prinzip der Knappheit beherrscht. Es bekommt also
die Arbeit jeder verschiedenen Art und Qualität einen Preis, der genau
so hoch sein muß, daß die Nachfrage nach ihr auf die zur Verfügung
stehende Menge der betreffenden Arbeit beschränkt wird, Nehmen wir
diese Preise als bekannt an, so können mit ihrer Hilfe — und der Preise
der übrigen Produktionsmittel — die Preise der Produkte berechnet
werden. Damit ist die Nachfrage nach den verschiedenen Produkten
und also auch die Nachfrage nach den verschiedenen Produktions-
mitteln, besonders auch nach der Arbeit jeder Art und Qualität, be-
stimmt. Diese Nachfrage muß mit dem Angebot übereinstimmen. Ist
die Nachfrage nach irgendeiner Kategorie von Arbeit ungenügend, so
ist das ein Zeichen dafür, daß der Preis der betreffenden Arbeit zu hoch
gesetzt ist und — wenn keine Beschränkung des Angebots möglich
ist —, um eine gesteigerte Nachfrage herbeizuführen, herabgesetzt
werden muß. Umgekehrt muß, wenn die Nachfrage das Angebot über-
trifft, der Arbeitslohn gesteigert werden.
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