Full text: Theoretische Sozialökonomie

37. Das Angebot von Arbeit als bestimmt durch die Zahl der Arbeiter. 313 
erster Linie als eine gegebene, von den gewöhnlichen Variationen des 
Preises der Arbeit unabhängige Größe des Preisbildungsproblems auf- 
gefaßt werden muß. Diese Voraussetzung muß also der ersten Be- 
handlung der Theorie des Arbeitslohns zugrunde gelegt werden. Die 
Voraussetzung entspricht jedenfalls der Wirklichkeit so nahe, daß die 
schließliche vollständige Theorie auch für diesen immerhin denkbaren 
Fall ihre Geltung behalten muß. Die Arbeitslohntheorie muß sich 
also in ihrem ersten Stadium auf die Voraussetzung stützen, daß der 
Produktionsfaktor Arbeit in seinen verschiedenen Arten und Qualitäten 
seiner Menge nach gegeben ist. 
Für das Studium des Angebots von Arbeit bedeutet dies, daß wir 
uns zunächst eine allgemeine Vorstellung von der Zusammensetzung 
dieses Arbeitsangebots bilden müssen, um dann zur Untersuchung der 
äußeren, d. h, allgemein sozialen Faktoren, die das Arbeitsangebot be- 
stimmen, überzugehen und schließlich auch die Analyse des eventuellen 
Einflusses des Arbeitslohns selbst auf die Menge der dargebotenen 
Arbeit aufzunehmen. Im folgenden kann dieser Untersuchungsgang 
nur in den allgemeinsten Zügen angedeutet werden. 
Die Knappheit der Arbeit ist offenbar von zwei Faktoren bedingt, 
nämlich erstens der Knappheit der Arbeiter selbst, zweitens der Be- 
grenzung der Arbeitsleistung pro Arbeiter. Betrachten wir in diesem 
Paragraphen zunächst die Knappheit der Arbeiter. Wenn man 
die ganze Arbeiterklasse als eine einzige homogene Masse auffaßt, muß 
es bei der großen Ausdehnung der Arbeitslosigkeit etwas wunderlich 
vorkommen, daß hier der Arbeitslohn auf die Knappheit der Arbeiter 
zurückgeführt wird. Es ist aber auch nicht möglich, sich eine einiger- 
maßen richtige Vorstellung vom Arbeitsmarkt zu bilden, ehe man über 
die wirkliche Zusammensetzung der sogenannten Arbeiterklasse Klar- 
heit gewonnen hat. Die Arbeiter bilden, wie schon früher betont, in 
Wirklichkeit eine sehr heterogene Masse, in der alle denkbaren ver- 
schiedenen Arten und Qualitäten vertreten sind und in der die Übergänge 
von der einen zur anderen Gruppe meistens praktisch kontinuierlich sind. 
Schon die Altersverteilung bedeutet eine sehr wichtige Gradierung der 
Arbeiter. Nur einige wenige Dezennien des allerbesten Lebensalters 
repräsentieren die volle Arbeitskraft, die jugendlichen Arbeiter bilden 
eine Klasse für sich, und schon ziemlich früh werden die alternden 
Arbeiter, besonders von der modernen Industrie deklassifiziert. In be- 
zug auf die Gesundheit und überhaupt auf die allgemeine physische 
Leistungsfähigkeit sind auch die Verschiedenheiten sehr groß, und die 
Wirklichkeit zeigt einen kontinuierlichen Übergang von den vollständig 
Arbeitsfähigen und Tüchtigen zu den nur halbwegs Brauchbaren und zu 
den gänzlich Unbrauchbaren, den Invaliden im eigentlichen Sinne. 
Ferner haben wir die sehr mannigfaltige Abstufung der natürlichen An-
	        
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