8 37. Das Angebot von Arbeit als bestimmt durch die Zahl der Arbeiter. 315
wo sie keine Ausbildung für einen künftigen Beruf bekommen, sondern
wo ihre Leistungsfähigkeit als Arbeiter nur ausgenutzt und verschwendet
wird.
Wenn nun die „Arbeiterklasse‘‘ aus so weit verschiedenen Elementen
zusammengesetzt ist, und wenn die unteren Schichten immer wieder
durch die Wirkung verschiedener Faktoren neu rekrutiert werden, wird
es nicht länger rätselhaft erscheinen, daß eine Knappheit der Arbeit
bestimmter höherer Qualität an der Seite einer stets vorhandenen
Arbeitslosigkeit besteht. Erst wenn wir uns ein wahres Bild von der
wirklichen Zusammensetzung der sogenannten Arbeiterklasse machen,
können wir allmählich einen Einblick gewinnen in die wahre Natur
der vielumschriebenen Erscheinung, die man als ‚,die industrielle
Reservearmee‘‘ zu bezeichnen pflegt. Unter normalen Verhältnissen
werden in jeder besonderen Beschäftigung Arbeiter verschiedener Quali-
tät bis zu einer gewissen Stufe herunter beschäftigt. Werden Betriebs-
einschränkungen notwendig, kann es wohl als allgemeine, obwohl natür-
lich bei weitem nicht ausnahmslose Regel angenommen werden, daß
schlechtere Arbeiter zuerst entlassen, bessere soweit möglich behalten
werden. Steigt wieder die Nachfrage nach Arbeit, muß das Bedürfnis
in der Regel zu einem beträchtlichen Teil durch. Inanspruchnahme von
Arbeitern niedrigerer Qualität gedeckt werden!). Eine Folge hiervon
ist u. a., daß die Arbeitskosten in der Hochkonjunktur steigen, was ja
auch eine allgemein wahrgenommene Erscheinung ist. Der geschilderte
Vorgang hat eine gewisse Ähnlichkeit mit der Ausdehnung des be-
bauten Bodens bei steigendem Bedarf an Lebensmitteln: es muß dann
Boden immer niedrigerer Qualität für die Kultur in Anspruch ge-
nommen werden. Wie aber das Vorhandensein schlechteren unbenutzten
Bodens nicht hindert, daß eine wirkliche Bodenknappheit besteht, und
daß die Bodenrente vornehmlich hierin ihren Grund hat, so kann auch
das Vorhandensein von unbenutzten Arbeitern viel niedrigerer Qualität
nicht verhindern, daß sich eine wirkliche Knappheit an geeigneten
Arbeitern im gewerblichen Leben fühlbar macht, und ein Haupt-
bestimmungsgrund des Arbeitslohns ist.
Diese Analogie der Preisbildung der Arbeit mit derjenigen der
Bodennutzung ist keine vollständige. Die gewöhnliche Voraussetzung,
daß der zuletzt in Anspruch genommene Boden keine Rente zahlt, ist
wohl kaum in der Praxis ganz haltbar, immerhin aber theoretisch mög-
lich, während eine entsprechende Voraussetzung in bezug auf die zuletzt
in Anspruch genommene Arbeit auch theoretisch vollständig aus-
1) Die Deckung des Bedarfs an Arbeitern in der Hochkonjunktur kann in der
hier angegebenen Weise durchaus nicht vollständig erklärt werden. Die wichtigste
Reserve, aus welcher die Industrie im letzten Jahrhundert in Perioden starker Ent-
wicklung geschöpft hat, ist eine ganz andere. Auf diese Frage werden wir in unserem
vierten Buche (Kap. 15) zurückkommen.