Full text : Theoretische Sozialökonomie

_- Kap. VIII. Der Arbeitslohn.
der ‚leichteren Gelegenheit, eine regelmäßige Beschäftigung zu finden.
Auf die Säuglingssterblichkeit dürfte die Lohnhöhe ebenfalls weniger
direkten Einfluß haben als hygienische Einsicht und öffentliche hygienische
 Maßnahmen. Je reichlicher seitens der Öffentlichkeit für vernachlässigte
 Kinder gesorgt wird, desto weniger wird übrigens die Lohnhöhe
direkt für die Volksvermehrung eines vorgeschrittenen Landes moderner
Kultur bedeuten.‘ Die Lohnhöhe hat ohne Zweifel eine grundlegende
Bedeutung für die Lebenshaltung der arbeitenden Klassen, ihre Wirkung
auf die Versorgung der Gesellschaft mit Arbeitern ist aber von so vielen
verschiedenen Faktoren bedingt, daß wir nicht einmal imstande sind,
die Richtung derselben allgemein festzustellen.
Betrachten wir die besonderen Schichten der Bevölkerung, so finden
wir das Angebot von Arbeitern noch weniger von der Deckung der
Produktionskosten durch das Arbeitseinkommen bedingt. Arbeiter einer
gewissen Qualität können, wie wir schon ($ 33) gefunden haben, auch
auf die Dauer zu einem Lohn erhalten werden, der ihre Produktionskosten
 nicht deckt. Die verschiedenen Schichten der Bevölkerung sind
gegeneinander nicht streng abgegrenzt und also auch nicht für ihre
Rekrutierung auf sich selbst angewiesen. Das Arbeitseinkommen einer
gewissen Klasse von Arbeitern braucht dann nicht notwendig die Produktionskosten
 derselben zu decken.
Ein solcher Zustand auf dem Gebiet der eigentlichen Produktion
würde natürlich in Widerspruch zum Kostenprinzip und damit zum
allgemeinen wirtschaftlichen Prinzip stehen. Menschen werden aber,
wie schon bemerkt, nicht aus wirtschaftlichen Gründen produziert, und
es kann wenigstens in unserer herrschenden Gesellschaftsordnung nicht
vermieden werden, daß Menschen geboren und aufgezogen werden, die
sich später aus verschiedenen in ihnen selbst oder in der Marktlage
liegenden Gründen wirtschaftlich minderwertig zeigen und die mit
ihrer Arbeit niemals ihre Produktionskosten zu decken vermögen. Solche
Arbeiter tragen aber gleichwohl zum gesellschaftlichen Arbeitsangebot
bei. Es zeigt sich hier besonders deutlich, daß die Theorie des tauschwirtschaftlichen
 Preisbildungsprozesses, wie mehrfach hervorgehoben,
das Angebot von Arbeitern in erster Linie als einen nach selbständigen
Gründen bestimmten und also gegebenen Faktor des Problems auffassen
muß und jedenfalls niemals dieses Angebot mit dem Angebot von Produkten
 verschiedener Art als eine der Unbekannten des Preisbildungsproblems
 selbst gleichstellen kann.
Bisher haben wir nur die Zahl der Arbeiter im allgemeinen oder
die der Arbeiter einer bestimmten Qualität betrachtet. Gehen wir jetzt
zur Untersuchung des Angebots von Arbeitern in besonderen Berufen
und Orten über! Die richtige Verteilung der Arbeiter auf verschiedene
Berufe und Orte setzt offenbar eine gewisse Beweglichkeit der Arbeiter

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