H. Das Steuerwesen der Staatenverbände. 51
Inanspruchnahme keine sichere Orientierung möglich wäre. Die
Schätzung der Leistungsfähigkeit verschiedener Staaten auf Grund
der Steuerleistung setzt demnach voraus: 1. die gleiche Inanspruch-
nahme der Staatsbürger; 2. die Gleichheit des Steuersystems und
der Steuerverwaltung der betreffenden Staaten; 3. die Ausdehnung
der Vergleichung auf die gesamten, also direkten und indirekten
Steuern. Da nun aber diese Voraussetzungen kaum zu finden sind,
so kann die Steuerleistung kein verläßliches Bild von der relativen
Leistungsfähigkeit der einzelnen Staaten bieten.
Auf ihren einfachsten Ausdruck reduziert, ist die Frage der
Verteilung der Beiträge in Staatenverbänden die Frage der Lasten-
verteilung nach dem Kräfteverhältnis. Diese Frage ist dieselbe,
mag es sich um ganze Staaten, um einzelne Teile von Staaten oder
gar um die einzelnen Staatsbürger handeln. Wer wollte behaupten,
daß die Lastenverteilung, wie sie heute zwischen den einzelnen
Gliedern in jedem Staate vor sich geht, das Ideal der Gerechtig-
keit verwirklicht? Die Finanzwissenschaft ist bis zum heutigen
Tage nicht dahin gelangt, das richtige Maß der Leistungsfähigkeit
des Einzelnen zu finden. Und wenn die Wissenschaft heute das
Einkommen als sichersten Maßstab betrachtet, so bemächtigt sich
unser, sobald wir dies Prinzip zur Anwendung bringen, eine Reihe
von Bedenken, sobald wir erkennen, daß das gleiche Einkommen
in dem einen Falle eine viel größere Leistungsfähigkeit bedeutet,
als in dem anderen. Noch schwieriger gestaltet sich natürlich die
Frage, sobald wir es mit ganzen Staaten zu tun haben. Auch die
Geschichte beweist es, daß man sich immer mit sehr rohen Maß-
stäben begnügen mußte.
Auf die Frage der genauesten Schlüssel haben übrigens ver-
schiedene Umstände Einfluß. So ob die durch Beiträge, Quoten
zu deckenden Staatsausgaben überhaupt groß oder geringfügig sind,
ob der Schlüssel de facto praktische Anwendung findet oder nur
wenig praktische Bedeutung hat, ob er auch bei Verteilung von
Einkommen Anwendung findet usw. Verteilungsschlüssel finden
wir in Deutschland, in Österreich und Ungarn, in den Kantonen
der Schweiz, in den Provinzen des ehemaligen Hollands, im Ver-
hältnisse zwischen England und Irland (neuerdings wieder aktuell
geworden), vormals zwischen Schweden und Norwegen, zwischen
Dänemark und Schleswig-Holstein, Oldenburg, Lübeck und Birken-
feld?) usw. Fast alle der vorkommenden Schlüssel sind höchst
') Siehe hierüber, wie über die ganze Frage Földes, Über Matrikular- und
Quotenbeiträge, mit besonderer Rücksicht auf den österr.-ungarischen Quoten-
streit. Zugleich ein Beitrag zum internationalen Finanzwesen und zur Messung
Földes, Finanzwissenschaft. 2. Aufl. 24
731
1