Full text : Theoretische Sozialökonomie

$ 56. Preisniveau und Bankzahlungsmittel. 433
jährlichen Variationen keineswegs fertig. Es tritt vielmehr hier eine
andere Frage in den Vordergrund, eine Frage, die wir etwa so formulieren
können: In den Hochkonjunkturen wird bekanntlich der Umsatz in
hohem Grade erweitert, folglich auch der Bedarf an Zahlungsmitteln
gesteigert; die unmittelbare Wirkung würde eine Preissenkung sein;
wenn nicht desto weniger eine Preissteigerung eintritt, wie wird
dann dieser aus doppelten Gründen gesteigerte Bedarf an Zahlungsmitteln
 befriedigt? Ohne eine Befriedigung des gesteigerten Zahlungsmittelbedarfs
 werden doch Ursachen, die auf anderen Gebieten liegen,
keine Preissteigerung durchsetzen können.
Die allgemeine Antwort auf diese Frage kann nur die sein, daß die
vorhandene Goldmenge in den Hochkonjunkturen in höherem Grade für
Zahlungszwecke ausgenutzt wird. Dies kann in verschiedener Weise
geschehen. Die Zirkulationsgeschwindigkeit der Goldmünzen kann gesteigert
 werden. Die Masse der zirkulierenden Goldmünzen kann auf
Kosten der Bankreserven, der gesamte monetäre Goldvorrat auf Kosten
des nichtmonetären vermehrt werden. Vor allem aber können Bankzahlungsmittel
 in großem Umfange neu geschaffen und intensiver ausgenutzt
 werden. Alle solche Veränderungen kommen einer Erhöhung
der Zahlungsleistung der vorhandenen Goldmenge gleich. Wenn wir
die Zahlungsleistung pro Einheit der vorhandenen Goldmenge als „,relative
 Zahlungsleistung‘‘ bezeichnen, können wir den Satz aufstellen,
daß die jährlichen Veränderungen des allgemeinen Preisniveaus auf
Veränderungen in der relativen Zahlungsleistung zurückzuführen sind.
Bei der Untersuchung der Einwirkung der Goldmenge auf das allgemeine‘
 Preisniveau war es natürlich, die vorhandene Goldmenge mit
dem Goldbedarf zu vergleichen ($ 51). Hier, wo wir festzustellen haben,
wie Veränderungen in der Zahlungsleistung auf das allgemeine Preisniveau
 einwirken, muß natürlich diese auf eine gewisse Einheitsperiode
bezogene Zahlungsleistung mit dem Umfange der in derselben Periode
zu leistenden Zahlungen verglichen werden. Die Gesamtsumme dieser
Zahlungen ist gleich dem Produkt TP, wo T den Umfang des Realumsatzes
 und P das allgemeine Preisniveau bezeichnet.
Über die Veränderungen des Realumsatzes besitzen wir keine zuverlässige
 Ziffern. Wir wissen aber, daß der Realumsatz in den Hochkonjunkturen
 steigt, und zwar in rascherem Tempo als sonst. Daraus
können wir schließen, daß die gesamte Zahlungsleistung in den Hochkonjunkturen
 eine stärkere Steigerung aufweisen muß als das allgemeine
 Preisniveau. In den Fällen, wo die Maxima des Preisindexes
und des Realumsatzes zeitlich ganz zusammenfallen, muß die Steigerung
der gesamten Zahlungsleistung besonders deutlich hervortreten.
Um diese Schlüsse prüfen zu können, brauchen wir einen Maßstab
 der Veränderungen der gesamten Zahlungsleistung. Unsere Ansprüche
 an einen solchen Maßstab dürfen selbstverständlich bei dem
Cassel, Theoret, Sozialökenomie, 4. Aufl. 28

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