. Kap. XI. Der Geldwert.
8 51 entwickelt haben, und nach unserer Analyse der Wirkung, die der
Goldversorgung zugeschrieben werden kann, annehmen, daß Ver-
änderungen der relativen Goldmenge der Welt prozentual gleich große
Veränderungen der in Gold ausgedrückten Welthandelspreise bewirken,
dann sind die sekulären Bewegungen des allgemeinen Preisniveaus
dadurch in der Hauptsache erklärt.
Es ist auffallend, daß in dieser Weise sämtliche Veränderungen
des allgemeinen Preisniveaus auf Ursachen zurückgeführt werden, die,
soweit sie monetärer Natur sind, auf der Seite der Geldversorgung, hier
speziell der Goldversorgung, liegen. Haben denn die großen Verände-
rungen des Goldbedarfs in der Periode gar keine Wirkung auf das all-
gemeine Preisniveau ausgeübt? Wir haben unsere ganze Untersuchung
auf englische Preise aufgebaut, weil sie Welthandelspreise sind, und
weil in England die Goldwährung die ganze Periode hindurch ge-
herrscht hat. Das so berechnete Preisniveau haben wir mit der Gold-
menge der ganzen Welt verglichen, dazu durch den Umstand gezwungen,
daß keine enger abgegrenzte Goldmenge eine objektiv gegebene Größe
des Problems dargestellt hätte. Nun kann man fragen: mußte nicht
die während der ganzen Periode. stark gesteigerte Goldnachfrage der
Welt eine so überaus starke Wigkung auf die Preise ausüben, daß der
Zusammenhang zwischen dem allgemeinen Preisniveau und der Gold-
menge der Welt vollständig in den Schatten gestellt wird? Es sind doch
in der betreffenden Periode alle zivilisierten Länder nacheinander
zur Goldwährung übergegangen, und es sind dadurch immer neue
Ansprüche an die Goldversorgung der Welt gestellt worden. Haben
denn diese Ansprüche nicht sehr starke Spuren in der Kurve des all-
gemeinen Preisniveaus nachgelassen? Daß solche Fragen erhoben
werden, ist natürlich. Unsere Untersuchung zeigt aber, daß sie haupt-
sächlich negativ zu beantworten sind. Nachdem wir die Einwirkung
der Variationen der relativen Goldmenge und der wechselnden Ver-
sorgung des Verkehrs mit Bankzahlungsmitteln berücksichtigt haben,
bleibt überhaupt nur eine wenig bedeutende sekuläre Variation des all-
gemeinen Preisniveaus zu erklären.
Der zum normalen Preisniveau zurückgeführte Goldbedarf der Welt
muß also in der Periode 1850—1910 ziemlich gleichmäßig mit dem-
selben Prozentsatz wie die normale Goldmenge, also um etwa 2,8 Pro-
zent jährlich, gestiegen sein. Diese Ziffer ist etwas niedriger als die-
jenige, die wir als charakteristisch für die allgemeine wirtschaftliche
Entwicklung der Welt in der Periode 1870—1910 gefunden haben. Es
ist ja auch nicht unwahrscheinlich, daß die Entwicklung der Bank-
zahlungsmittel die Wirkung gehabt hat, daß der Goldbedarf etwas lang-
samer als der Realumsatz gestiegen ist.
Man kann sich die, wie es scheint, etwas eigentümliche Tatsache
der gleichmäßigen Steigerung des Goldbedarfs erklären, wenn man
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