Full text : Theoretische Sozialökonomie

$ 58. Die Regulierung des Preisniveaus durch den Bankzins. 449
dig auch auf Veränderungen der Umlaufsgeschwindigkeit des Geldes
Rücksicht zu nehmen. In dem Maße, wie solche Veränderungen selbständig
 auftreten, müssen natürlich ihre Wirkungen auf das Preisniveau
festgestellt werden, und dies bietet theoretisch keine besondere Schwierigkeit.
 Wichtiger sind aber die Fälle, wo. die Umlaufsgeschwindigkeit
von einer Veränderung der Zahlungsmittelversorgung beeinflußt wird.
Man könnte sich denken, daß eine Vermehrung der Zahlungsmittelversorgung
 eine Verminderung der Umlaufsgeschwindigkeit des Geldes
veranlassen würde, die die Preissteigerung wenigstens teilweise verhindern
 würde, Dies ist aber gewöhnlich nicht der Fall. Im Gegenteil
scheint die vermehrte Zahlungsmittelversorgung meistens eine erhöhte
Umlaufsgeschwindigkeit zur Folge zu haben. In den gewöhnlichen
Hochkonjunkturen ist dies ein Ergebnis der allgemein stimulierenden
Wirkung der Konjunktur. In den schlimmsten Fällen einer weitgehenden
staatlichen Inflation erhöht sich die Umlaufsgeschwindigkeit des Geldes
auf das ganz Abnorme infolge der Furcht, daß der Wert des Geldes bald
noch mehr fallen wird. Wenn diese Furcht so weit geht, daß niemand
mehr das Geld auch nur für eine noch so kurze Zeit behalten will, dann
hört das Geld, wie die Erfahrung Deutschlands zur Genüge gelehrt hat,
überhaupt auf anwendbar zu sein.
Wie wir gesehen haben, steht das allgemeine Preisniveau einer Vermehrung
 der Zahlungsmittelversorgung vollständig passiv gegenüber.
Wenn die Banken einen zu niedrigen Zinsfuß halten, werden sie dadurch
unvermeidlich eine Inflationhervorrufen, gegen welche das angenommene
Preisniveau keine Gegenwirkung zu leisten vermag. Seine Passivität
wird jedoch nicht von dem durch die Zinspolitik der Banken ebenfalls berührten
 Kapitalmarkt geteilt. Schon im vorigen Kapitel ($ 49) haben
wir gefunden, daß der Kapitalmarkt gegen einen zu niedrigen Zinsfuß
reagiert, indem die Produktion von Realkapital vermehrt und danach
die Nachfrage nach Kapitaldisposition allmählich so weit beschränkt
wird, daß der niedrige Zinsfuß als normal betrachtet werden kann, und
also kein Platz mehr für eine weitere preissteigernde Ausgabe von Bankzahlungsmitteln
 vorhanden ist. Damit kommt also die Preissteigerung
zu einem Stillstand. Nur wenn die Banken unter wiederholter Verdrehung
des Kapitalmarkts den Bankzins noch weiter herabsetzen, beginnt derselbe
 Prozeß wieder mit der Folge einer nochmaligen Erhöhung des allgemeinen
 Preisniveaus,
Im vorigen Kapitel sind wir dabei stehen geblieben, daß der „richtige‘
 oder „normale‘‘ Zinsfuß nicht als ein „Realzins‘‘, eine ‚,Grenzproduktivität
 des Kapitals‘ oder dergleichen bestimmt werden kann,
denn der Zins ist seinem Wesen nach ein Marktpreis, und der Markt
wird immer von der Zinspolitik der Banken stark beeinflußt. Es ist
also von vornherein klar, daß der „wahre Kapitalzins‘ nur als ein
unter gewissen bestimmten Marktverhältnissen gebildeter Marktzins
Cassel, Theoret, Sozialökonomie. 4. Aufl, 3]

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