Full text: Theoretische Sozialökonomie

470 Kap. XII. Die internationalen Zahlungen. 
was mit Aufnahme einer kurzfristigen Anleihe gleichbedeutend ist. 
Das hohe Diskonto und der daraus folgende hohe Satz für Reportgelder 
wirkt auch direkt deprimierend auf die Berliner Fondsbörse, wodurch 
Effektenverkäufe nach dem Ausland veranlaßt werden, was wieder die 
Zahlungsbilanz Deutschlands erleichtert. Die Wege können sehr ver- 
schieden sein, der Kern der Sache bleibt derselbe: die Höhe des Zins- 
fußes zieht das Kapital an und verbessert dadurch die Zahlungsbilanz. 
Es ist nun zu beachten, daß diese Diskontpolitik, die wir vielleicht 
als „auswärtige Diskontpolitik‘“ bezeichnen können, einen ganz anderen 
Charakter hat als diejenige Diskontpolitik, durch welche eine Zentral- 
bank nach unseren obigen Untersuchungen den Geldwert des Landes 
reguliert ($ 49). Nach den vereinfachenden Voraussetzungen, die wir 
hier gemacht haben, ist die letztgenannte Diskontpolitik durch die Auf- 
gabe, das allgemeine Preisniveau konstant zu halten, vollständig be- 
stimmt. Dies hindert aber nicht, daß Ungleichmäßigkeiten der aus- 
wärtigen Zahlungsbilanz vorkommen und die Zentralbank veranlassen 
können, eine Diskontpolitik mit Hinsicht auf die augenblickliche Lage 
dieser Zahlungsbilanz zu führen. Damit durchkreuzt aber die Bank ihre 
grundlegende, geldwertregulierende Diskontpolitik, und es kann im all- 
gemeinen nicht vermieden werden, daß die Aufgabe, den Geldwert und 
den Kapitalmarkt zu regulieren, unter den neuen Zielen, die der Dis- 
kontpolitik gestellt werden, zu leiden hat. Die auswärtige „Diskont- 
politik“ bedeutet dann eine Störung der eigentlichen und zentralen 
Diskontpolitik. 
Die auswärtige Diskontpolitik ist ihrem Wesen nach eine Differen- 
tialdiskontpolitik, die ihr Augenmerk in erster Linie auf die Differenzen 
der Diskontsätze der verschiedenen Geldplätze zu richten hat. Wenn 
Berlin seinen Satz erhöht, um, wie es heißt, Geld anzuziehen, wird 
London oft zu der Gegenmaßregel veranlaßt, seinerseits das Diskonto 
zu steigern. Dadurch wird das Diskontieren der Sterlingswechsel in 
London erschwert und überhaupt die Überführung von Geld von London 
nach Berlin gehemmt.‘ Wenn London sein Diskonto über den deutschen 
Satz hinaus steigert, wird Deutschland leicht zu nochmaligen Stei- 
gerungen seines Satzes gezwungen. Es entsteht in dieser Weise zuweilen 
eine Art Wettrennen, wodurch der Diskontsatz höher hinaufgeschraubt 
werden kann, als vom Gesichtspunkte der Geldwertregulierung nötig 
wäre. Allerdings ist zu beachten, daß solche Steigerungen des Diskont- 
satzes, wenn sie in Hochkonjunkturen vorkommen, kaum zu weit 
gehen, da es jedenfalls nicht gelingt, das allgemeine Preisniveau an 
einer oft sehr starken Steigerung zu verhindern. In Krisenzeiten da- 
gegen dürfte ein fieberhaftes Emporschrauben des Diskontsatzes unter 
dem internationalen Wettbewerb um das Gold kaum mit einer ratio- 
nellen Geldpolitik vereinbar sein. 
Die Nachteile der häufigen und starken Schwankungen des Dis- 
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