Full text : Theoretische Sozialökonomie

$ 63. Charakteristik des vorliegenden Problems. 3
Hier soll nun ein anderer Weg eingeschlagen werden. Es sollen
nämlich die Krisen nicht als Einzelerscheinungen, sondern der Konjunkturwechsel
 als ein Ganzes, als eine zusammenhängende, immer fortdauernde
 Bewegung der Volkswirtschaft studiert werden. Dabei soll
die Aufmerksamkeit überhaupt nicht auf einzelne a priori ausgewählte
Erscheinungen gerichtet werden, sondern es soll systematisch untersucht
 werden, welche realen Veränderungen die Volkswirtschaft unter
dem Wechsel zwischen Auf- und Niedergangsperioden durchmacht.
Dieses systematische Studium der wirtschaftlichen Bewegung wird
uns Schritt für Schritt einen tieferen Einblick geben in die Natur der
Konjunkturen und in den Ursachenzusammenhang zwischen den verschiedenen
 Faktoren, die die Wellenbewegung der Volkswirtschaft
bestimmen und gleichzeitig von dieser Bewegung bestimmt werden.
Auf diesem Wege führt das Studium der Konjunkturen zu einer Dynamik
 der Volkswirtschaft, die der früheren Behandlung des Wirtschaftslebens
 als einer stillstehenden Erscheinung oder als einer gleichförmigen
 Entwicklung als unerläßliche Ergänzung dienen soll.
Bei der Untersuchung der Veränderungen des Wirtschaftslebens
unter den wechselnden Konjunkturen wollen wir möglichst vom Konkreten
 zum Abstrakten vorgehen. Wir werden also zuerst die Veränderungen
 der materiellen Produktion und die damit im Zusammenhang
 stehenden Veränderungen mit Bezug auf die Produktionsmittel
in Betracht ziehen. Dann werden wir der Reihe nach zu den Veränderungen
 in der Preisbildung und der Einkommenbildung übergehen,
um schließlich zum Studium der Veränderung in der Lage des Kapitalmarkts
 zu gelangen. Für jeden Schritt werden wir versuchen, soweit
wie möglich, die tatsächlichen Vorgänge statistisch festzustellen, um
danach die Wechselwirkung der verschiedenen Bewegungslinien ans
Licht zu bringen und somit den inneren Zusammenhang klarzulegen.
Es liegt auf der Hand, daß bei dieser Behandlungsweise die graphische
Methode gute Dienste zu leisten vermag, ganz besonders, wenn es sich
um einen Vergleich zwischen verschiedenen Bewegungen handelt.
Es ist selbstverständlich vorteilhaft, den Entwicklungslinien des
Wirtschaftslebens während einer möglichst langen Zeit folgen zu
können. Erst eine Kurve, die eine Reihe von Konjunkturveränderungen
umfaßt, gibt ein zuverlässiges Bild der Art, in welcher diese Konjunkturveränderungen
 auf einen gewissen Faktor wirken, und erst ein
Vergleich zwischen zwei solchen Kurven gestattet uns einen einigermaßen
 sicheren Einblick in die Wechselwirkung oder Parallelbewegung
verschiedener Faktoren.
Eine Untersuchung der in Frage stehenden Art, die für das ganze
westeuropäische Wirtschaftsleben Geltung haben soll, 1äßt sich aber im
allgemeinen nicht gut länger zurückführen als bis zum Anfang der
1870er Jahre. Eine solche Begrenzung ist schon durch die Beschaffen-47


            
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