Kapitel I. Die Optimisten.
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Was man Bastiat aber verwerfen kann, ist sein • allzu fester
Glaube an die natürliche Harmonie, auf Grund dessen er überzeugt
war, daß die Herrschaft des Verbrauchers von selbst eintreten würde,
wenn man nur den wirtschaftlichen Gesetzen freies Spiel ließe* In
Wirklichkeit ist diese Herrschaft nicht gekommen, und der wirtschaft
liche Mechanismus hat sich mehr und mehr zum Vorteil des Produ
zenten ausgebildet. Daher ist es nötig geworden, daß die Verbraucher
sich organisieren, um ihre Interessen und mit diesen Interessen auch
das höhere Interesse der Allgemeinheit zu verteidigen, das mit dem
ihren eins ist. Auf diese Weise sind die Konsumgenossenschaften
und die ganz modernen Konsumentenverbände entstanden. Aber
auch die Versittlichung des Verbrauchers hat sich nicht von selbst
gemacht. Es bedurfte der sozialen Einkaufsvereine, der Mäßigkeits
vereine usw., um ihn seine Verantwortlichkeit und seine Pflichten
zn lehren.
Eigentümlicherweise stehen die Volkswirtschaftler der indi
vidualistischen, liberalen Schule diesen Vereinigungen wenig wohl
wollend gegenüber x ).
§ 5. Das Gesetz der Solidarität.
Dieses Gesetz, das heute jeder im Munde führt, hat Bastiat,
und das darf nicht vergessen werden (wie es fast alle Schriftsteller,
die über diesen Gegenstand schrieben, taten) als der erste auf einen
Ehrenplatz in der Nationalökonomie gestellt * 2 ): eins der leider un
vollendeten Kapitel der „Harmonies“ trägt die Überschrift „Soli-
darit e “, und Bastiat erklärt sogar: „Die ganze Gesellschaft ist weiter
nichts als eine Gesamtheit von sich kreuzenden Solidaritäten“ 3 ).
Täuschen wir uns aber nicht;' die Solidarität bedeutete ihm
etwas ganz anderes, als was wir heute darunter verstehen. Auch
zieht er aus ihr durchaus nicht die gleichen Schlüsse.
'Was uns heute die Solidaristen lehren, und das, worauf sie eine
neue Moral gründen wollen, ist, daß jedes Individuum Anderen alles
J ) Z. B. Yves Guyot in dem Journal des Economistes von 1904 und
passim. Siehe auch oben S. 367.
2 ) Jedoch hatte er das Wort nicht erfunden; wir wiederholen, daß es der
Sozialist Pibrbe Lbroux war, der hierfür das Prioritätsrecht beanspruchen kann;
siehe oben 8. 296.
3 ) Harmonies, Kap. XXI, S. 624.
„Es gibt niemanden auf der Erde, dessen Lage nicht von Milliarden Tat
sachen bestimmt würde, auf die seine Entschlösse keinen Einfluß haben“ (ebenda,
S. 623).
„Alle profitieren von dem Fortschritte eines Jeden, ein Jeder profitiert von
dem Fortschritt Aller“ (Harmonies, Kap. XI, S. 411).