Full text: Theoretische Sozialökonomie

$ 66. Die landw. Bevölkerung als Quelle der Zuschüsse von Arbeitern usw. 50I 
Zuschuß von Arbeitskräften abzugeben. Der Strom, der also der In- 
dustrie Arbeitskräfte zugeführt hat, ist aber nicht gleichmäßig geflossen. 
Die kapitalproduzierenden Industrien haben in den Depressionsperioden 
überhaupt keine Arbeitskraft von außen aufnehmen können, dagegen 
in den Hochkonjunkturen sehr große Zuschüsse gebraucht. Die Über- 
schußbevölkerung der Landwirtschaft ist also in den Depressions- 
perioden gewissermaßen in der Landwirtschaft zurückgehalten, sozu- 
sagen magaziniert worden, bis sie in den Hochkonjunkturen von den 
kapitalproduzierenden Industrien in Anspruch genommen worden ist. 
Diese verfügbaren Vorräte von Arbeitskräften in der Landwirtschaft 
haben für die kapitalproduzierenden Industrien die eigentliche ‚„in- 
dustrielle Reservearmee‘ ausgemacht. Erst durch diese Reserve sind 
die Hochkonjunkturen in dem Umfang, den sie bisher gehabt haben, 
überhaupt ermöglicht worden. Für ‚die sonstigen Industrien‘‘ gilt 
dasselbe nicht, wenigstens nicht annähernd in demselben Grade. Der 
Zufluß von Arbeitskräften von außen zu diesen Industrien ist sehr 
viel gleichmäßiger gewesen. 
Untersuchen wir, wie sich diese Entwicklung in einzelnen Ländern 
vollzieht. 
In Deutschland wurden in den drei Zählungsjahren 1882, 1895 
und 1907 als „Berufszugehörige Bevölkerung‘ in den drei Haupt- 
berufsabteilungen A, B und C in tausend Personen gezählt: 
1882 1895 1907 
A. Landwirtschaft usw. 19,225 18,501 17,681 
©” Industrie usw. 16,058 20,253 26,387 
C. Handel und Verkehr 4,531 5,967 8,278 
Die landwirtschaftliche Bevölkerung hat also in den beiden Perioden 
1882—1895 und 1895—1907 absolut abgenommen. Der ganze natür- 
liche Bevölkerungszuwachs und außerdem noch ein nicht unwesentlicher 
Teil der 1882 vorhandenen landwirtschaftlichen Bevölkerung ist von 
der Landwirtschaft abgewandert Zum weitaus größeren Teil ist 
diese landwirtschaftliche Überschußbevölkerung den Berufsabtei- 
lungen B und C zugeflossen. Vom Umfange dieser Bewegung kann man 
sich eine ungefähre Vorstellung machen. Die Gesamtbevölkerung 
des Deutschen Reiches ist in der Periode 1882 bis 1895 um 14,5%, in 
der Periode 1895 bis 1907 um 19,22 % gewachsen, Denkt man sich, daß 
die landwirtschaftliche Bevölkerung in den entsprechenden Perioden 
ebenso schnell gewachsen wäre, so hätte sie im Jahre 1895 22,0 Millionem 
betragen, wogegen sie in Wirklichkeit nur die Ziffer von 18,5 Millionen 
erreichte, und also 3,5 Millionen abzugeben gehabt hat, was 270000 
Personen pro Jahr entspricht. Im Jahre 1907 würde die landwirt- 
schaftliche Bevölkerung, wenn sie von ihrer wirklichen Höhe 1895 
um 19,22% gewachsen wäre, die Zahl von 22,05 Millionen erreicht
	        
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