Full text: Theoretische Sozialökonomie

8 77. Der Zinsfuß. ) 
dieses Steigen des Zinsfußes an den Spitzen der Hochkonjunkturen ist. 
Nach der Krise geht der Zinsfuß in der Regel sehr schnell zurück, ge- 
wöhnlich bedeutend schneller, als er früher gestiegen ist. Es ist inter- 
essant, den Bewegungen Monat für Monat zu folgen. In London hatte 
der Marktdiskont im Durchschnitt für das Jahr 1905 2,66 % betragen, 
stieg aber im Jahre 1906 auf einen Jahresdurchschnitt von 4,05%. Im 
November 1907 wurde der Höchstsatz von 6,61% erreicht. Dann aber 
fiel der Diskont in den folgenden Monaten sehr rasch und erreichte 
schon im Juli 1908 das Minimum von 1,30 %. Im November betrug der 
Satz nur 2,27%. An der Berliner Börse wurde der Höchstsatz von 
7,07 % im Dezember 1907 erreicht. Im Juli des folgenden Jahres war 
der Satz auf 2,75 % gesunken und stand im Dezember auf 2,92 %1). Es 
ist also unzweifelhaft, daß der Kapitalmarkt durch die Einschränkung, 
die die Produktion von festem Kapital in der Depression erfährt, schnell 
und bedeutend erleichtert wird, trotz der gleichzeitigen, aber weniger 
bedeutenden Einschränkung der Kapitalbildung. 
In den Hochkonjunkturen, die eine längere Zeit gedauert haben, 
kann man beobachten, wie der Zinsfuß am Anfang noch sehr mäßig 
bleibt, um sich erst in den letzten Jahren der Hochkonjunktur wesent- 
lich zu verschärfen. In England begann die aufsteigende Bewegung der 
neunziger Jahre mit dem Jahre 1896, wo die Roheisenerzeugung schon 
die Ziffer von 8799000 Tonnen gegen 8456000 Tonnen an der Spitze 
der letzten Hochkonjunktur (1889) erreichte?). Der durchschnittliche 
Marktdiskont betrug aber im Jahre 1896 nur 1,52% und hielt sich in 
den beiden folgenden Jahren auf der sehr mäßigen Höhe von 1,87 resp. 
2,65%. Erst 1899 stieg der Diskontsatz auf den Durchschnitt von 
3,29%, um im Krisenjahr 1900 den Durchschnittssatz von 3,70% zu 
erreichen. In Berlin stand der Diskontsatz im Jahre 1897, wo die Roh- 
eisenproduktion Deutschlands schon auf 6881000 Tonnen gegen 
4658000 Tonnen im Wendejahre 1890 gestiegen war, nur noch auf 
dem Durchschnitt von 3,09 %. Die folgenden Jahre 1898— 1900 brachten 
den Durchschnittssatz auf 3,55, 4,45 und 4,41%. Nach der Krise von 
1900 und der darauf folgenden Depression trat eine wesentliche Stei- 
gerung der Produktion von festem Kapital wieder mit den Jahren 1903 
und 1904 ein. Der Marktdiskont ging aber nicht über den Durchschnitt 
von 3,14% (1904). Als die Hochkonjunktur in ihre zweite Phase ein- 
trat und die Produktion von festem Kapital in den Jahren 1906 und 
1907 noch sehr gesteigert wurde (die Roheisenproduktion betrug im 
Jahre 1907 12875000 Tonnen gegen 8521000 Tonnen im Jahre 1900), 
stieg der durchschnittliche Diskontsatz auf 4,04% und 5,12%. Die 
ersten Jahre des Aufschwungs können sich also eines mäßigen Zins- 
fußes erfreuen. Erst in den letzten Jahren des Aufschwungs, in der 
ı) Pohle: Monatliche Übersichten, 
?) Diese und folgende Ziffern aus dem Statist. Jahrbuch des Deutschen Reiches. 
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