566 Kap. XIX. Die bestimmenden Faktoren der Konjunkturbewegungen.
und: die deshalb bei einem höheren Zinsfuß nicht lohnend sind. Sobald
aber der Zinsfuß sinkt, wird ein gewisser Teil dieser Unternehmungen
lohnend. Es kann dann nicht lange dauern, bis die Möglichkeiten
auch in Wirklichkeiten umgestzt zu werden beginnen. Wenn z. B. eine
Eisenbahn, von der man einen jährlichen Nettoertrag von 400000 Mark
berechnet, 10 Millionen Mark Anlagekosten erfordert, kann sie, solange
der Zinsfuß 5% beträgt, nicht gebaut werden. Wenn aber der Zinsfuß
bis 3% heruntergeht, wird das Unternehmen lohnend und wird auch
aller Wahrscheinlichkeit nach verwirklicht werden. Für die wirtschaft-
liche Möglichkeit, dauerhafte Kapitalgegenstände herzustellen, ist also
der Zinsfuß in großem Umfang der ausschlaggebende Faktor. Für die
laufende Produktion von Verbrauchsgegenständen spielt der Zinsfuß,
wie wir wissen, bei weitem nicht dieselbe Rolle. Ein andauernd niedriger
Zinsfuß muß deshalb in weit höherem Grade die Produktion von festem
Kapital als die übrige Produktion beleben und also diejenige Ver-
schiebung in der gesellschaftlichen Produktion zugunsten der Produktion
von festem Kapital, die wir als ein wesentliches Kennzeichen der Hoch-
konjunktur bezeichnet haben, allmählich hervorrufen.
Umgekehrt muß ein hoher Zinsfuß den Wert des festen Kapitals
reduzieren und dadurch den Unternehmern, die die Herstellung dieses
Kapitals unternommen haben, Verluste bringen. Manche Arbeiten
können bei dem hohen Zinsfuß kaum vollendet werden. Die wirtschaft-
lichen Möglichkeiten zu weiterer Produktion von festem Kapital werden
durch einen hohen Zinsfuß sehr eingeschränkt. Nur Unternehmungen,
die einen ungewöhnlich hohem Gewinn versprechen, können weiter in
Angriff genommen werden. Wenn diese sich weniger lohnend, als man
geglaubt hat, zeigen und die hohen Zinsen, die für die Kapitaldisposition
gefordert werden, nicht erbringen können, muß dies auf jede Lust,
sich auf neue Pläne zur Schaffung von festem Kapital einzulassen,
niederdrückend wirken.
In dieser Weise erklärt es sich, daß ein andauernd hoher Zinsfuß
einen Rückgang der Produktion des festen Kapitals bewirkt. Die Pro-
duktion von Verbrauchsgegenständen dagegen leidet durchaus nicht in
demselben Maße unter einem hohen Stande des Zinsfußes. Wenn diese
Produktion mit dem Rückgang der Produktion von festem Kapital eine
Abschwächung zeigt, ist dies nicht als eine direkte Folge des hohen
Zinsfußes in der Hochkonjunktur, sondern vielmehr als eine sekundäre
Erscheinung zu betrachten. Die direkte Wirkung des hohen Zinsfußes
auf die Produktion von festem Kapital genügt aber, um die Hoch-
konjunktur in eine Depression zu verwandeln.
Der Zinsfuß hat also eine ganz bestimmte Wirkung auf die Kon-
junkturbewegung, und zwar immer in einer derselben entgegengesetzten
Richtung: in der Depression herrscht ein niedriger Zinsfuß, der auf eine
Wiederbelebung der Unternehmertätigkeit hinwirkt, in der Hoch-