Full text: Theoretische Sozialökonomie

$ 80. Das Prinzip der Wirkung und Gegenwirkung. 557 
konjunktur herrscht ein hoher Zinsfuß, der wie eine Bremse wirkt. 
Umgekehrt wird aber auch der Zinsfuß durch die Konjunkturen be- 
stimmt: die Depression schafft selbst den niedrigen Zinsfuß, der ihr 
ein Ende bereitet, ähnlich wie die Hochkonjunktur den Zinsfuß bis 
auf die Höhe steigert, wo er unerträglich wird, und die Hochkonjunktur 
selbst zusammenbrechen muß. Es besteht in dieser Weise eine Wechsel- 
wirkung zwischen dem Zinsfuß und der Konjunkturbewegung. 
Diese Wechselwirkung ist nur ein Beispiel des allgemeinen Prinzips, 
von Wirkung und Gegenwirkung: Wenn überhaupt eine Stabilität vor- 
handen sein soll, muß in der wirtschaftlichen wie in der physischen Welt 
jede Wirkung eine entgegengesetzte Wirkung hervorrufen. Die Ver- 
änderungen des Zinsfußes sind übrigens nicht die einzigen Gegen- 
wirkungen, die zur Dämpfung der Konjunkturbewegungen dienen. 
Andere, die Hochkonjunktur hemmende Kräfte sind erstens die Preis- 
steigerung des Materials des festen Kapitals, die, wie wir gesehen haben, 
sehr beträchtlich zu sein pflegt und natürlich die fortgesetzte Pro- 
duktion von festem Kapital sehr erschweren muß. Eine zweite hemmende 
Wirkung der Hochkonjunktur ist die Steigerung des Arbeitslohnes. 
Beide Momente wirken verteuernd auf die Produktion von festem 
Kapital: die Wohnhäuser, die Eisenbahnen, die Fabrikanlagen usw. 
werden viel höhere Herstellungskosten, als in den Anschlägen berechnet 
wurden, erfordern. Diese Erscheinung, die in der Hochkonjunktur 
eine so gut wie ausnahmslose Regel darstellt, wirkt natürlich sehr 
störend auf die Ertragsfähigkeit, vielleicht sogar auf die wirtschaft- 
liche Lebensfähigkeit mancher Unternehmungen und ist offenbar zu 
weiterer Unternehmertätigkeit wenig aufmunternd. Wenn nun auch 
der Wert des fertiggestellten festen Kapitals dem hohen Zinsfuße zu- 
folge herabgesetzt wird, so versteht man doch, daß die erwähnten \ + Betnd 
Preis- und Lohnsteigerungen zusammen mit dem steigenden Zinsfuß 
eine kräftige Bremse für die Hochkonjunktur bilden müssen. Daß 
diese hemmenden Kräfte der abnorm starken Produktion von festem 
Kapital und damit auch der ganzen Hochkonjunktur schließlich ein 
Ende machen müssen, kann nicht überraschen. 
Eher könnte man fragen, wie es möglich ist, daß in der eigentlichen 
Hochkonjunktur, wo die Preise des fertigen festen Kapitals schon zu 
weichen begonnen haben, die hohen Preise der Materialien und der 
Arbeit, welche für die Herstellung des festen Kapitals erforderlich sind, 
noch eine Zeitlang aufrechterhalten werden können. Dies erklärt sich 
daraus, daß die Anlagen, Bauten usw., die hier in Frage kommen, 
großenteils einen ungewöhnlich hohen Gewinn versprechen und also 
einen gewissen Spielraum für Kostensteigerungen zulassen, sowie auch 
daraus, daß die betreffenden Unternehmungen, wenn einmal begonnen, 
auch mit Aufopferungen vollendet werden müssen. 
Die Depression entwickelt auch ihrerseits entsprechende, ihr selbst 
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