Full text: Theoretische Sozialökonomie

8 8. Kapital und Einkommen.in der Geldwirtschaft. 43 
Ein solcher Vorgang ist nicht etwa ein künstlich erdachter Not- 
behelf, sondern liegt in der Tat in der Natur der Wirtschaftslehre. Im 
wirklichen Wirtschaftsleben sind alle die verschiedenen Erscheinungen 
so miteinander verkittet, daß eine Isolierung einer derselben nicht mög- 
lich ist. Die Wirtschaftswissenschaft muß sich nach diesem Sachver- 
hältnis richten. Für sie ist es zwar notwendig, die verschiedenen Seiten 
der Wirtschaft nacheinander in getrennten Kapiteln zu untersuchen. 
Sie darf aber nicht den Anspruch an sich selbst stellen, daß jede solche 
Untersuchung in sich abgeschlossen sein sollte. Eine Aufteilung der 
Wirtschaftswissenschaft in diesem Sinne ist unmöglich. Vielmehr liegt 
es in der Natur der Dinge, daß jede einzelne Untersuchung gewisse 
Verhältnisse unerklärt läßt, daß die Erklärung dieser in einem anderen 
Kapitel gesucht werden muß. Eine vollständige Auffassung eines spe- 
ziellen wirtschaftlichen Phänomens gewinnt man erst, wenn man die 
Wirtschaft in ihrem Ganzen kennt. Daraus folgt eine nicht unwichtige 
Anweisung für das Studium einer wissenschaftlichen Darstellung des 
Wirtschaftslebens: Der Schüler muß ein solches Werk immer zweimal 
lesen, erst wenn er durch eine erste Lektüre einen Überblick über das 
Ganze gewonnen hat, ist er in der Lage, die einzelnen Teile vollständig 
zu verstehen. 
Andererseits ist es offenbar die Pflicht der Wirtschaftswissenschaft, 
ihre verschiedenen Kapitel so aufzubauen, daß sie als Teile eines gemein- 
samen Ganzen erscheinen. Besonders muß betont werden, daß eine 
allgemeine ökonomische Theorie ohne eine damit organisch zusammen- 
hängende Geldtheorie eine Unmöglichkeit ist, und daß umgekehrt eine 
Geldtheorie, die nicht als organischer Teil einer allgemeinen ökono- 
mischen Theorie hervortritt, wenig Wert haben kann. 
Wenn wir also jetzt zum Studium der Tauschwirtschaft übergehen, 
wollen wir dieselbe vom Anfang an als Geldwirtschaft betrachten. Da- 
bei gilt es zunächst, die Tatsachen und Vorgänge, die wir schon im 
ersten Kapitel für die Wirtschaft im allgemeinen als charakteristisch 
gefunden haben, in der Form, die sie in der Geldwirtschaft annehmen, 
darzustellen. Dies soll die Aufgabe des folgenden Paragraphen werden. 
Erst danach werden wir zum Studium der rein geldwirtschaftlichen Er- 
scheinungen übergehen. 
8 8. Kapital und Einkommen in der Geldwirtschaft. 
Sobald die Gewohnheit, die wirtschaftlichen Güter in Geld zu 
schätzen, sich entwickelt hat, werden die Güter, die wir als Realkapital 
bezeichnet haben, wesentlich vom Gesichtspunkt der Geldsumme, gegen 
welche sie gekauft oder verkauft werden können, betrachtet, sie werden 
als die zufälligen konkreten Vertreter dieser Geldsumme aufgefaßt, 
während die abstrakte Geldsumme selbst im allgemeinen Bewußtsein der 
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