Full text: Theoretische Sozialökonomie

$ 83. Die Entstehung eines internationalen Handels. Das Merkantilsystem, 583 
Saldo führten. Später wurde diese Angelegenheit von etwas breiteren 
Gesichtspunkten betrachtet: man forderte, daß der Handel mit einem 
bestimmten Lande ein Saldo in Geld zugunsten des eigenen Landes 
liefere, und man ging schließlich zu einer Beurteilung des Gesamt- 
außenhandels von diesem Gesichtspunkte über. Damit entstand der 
Begriff der Handelsbilanz, den wir heute so unauflöslich mit dem Be- 
griffe des internationalen Handels verknüpfen. Wenn die ganze Handels- 
bilanz einen Überschuß in Geld zugunsten des eigenen Landes zeigte, 
war diese „günstig‘‘; im entgegengesetzten Falle war sie „ungünstig“, 
Diese Auffassung der Handelsbilanz hat einen entscheidenden Einfluß 
auf die ganze Handelspolitik gehabt. Man suchte vornehmlich solche 
Erwerbszweige zu entwickeln, von denen man hoffen konnte, daß sie 
Geld in das Land führen würden. So kam es, daß man die Manufakturen, 
die Geld vom Auslande brachten, oder jedenfalls eine Ausfuhr von Geld 
zum Kauf fremder Manufakturprodukte verhinderten, hoch schätzte 
und den auswärtigen Handel als Mittel zur Beschaffung von Geld als 
den ungleich wichtigsten aller Erwerbszweige betrachtete. Diese Ein- 
stellung der Handelspolitik des Nationalstaates hat man als das Merkan- 
tilsystem bezeichnet. Der Name ist später als Bezeichnung für die 
ganze hier beschriebene Wirtschaftspolitik des Nationalstaates be- 
nutzt worden. 
Die Kritik gegen den Merkantilismus hat sich oft ihre Sache da- 
durch leicht gemacht, daß sie die Vorstellung, nach welcher Reichtum 
als gleichbedeutend mit Geldbesitz aufgefaßt wurde, ins Lächerliche 
gezogen hat. Man muß aber, wie hier gezeigt, diese Vorstellung in ihrem 
Zusammenhang mit den damaligen wirtschaftlichen Voraussetzungen 
betrachten, Die besonders in bezug auf die Finanzen notwendige 
Förderung der Geldwirtschaft und die Abwesenheit moderner Ein- 
richtungen zur Beschaffung einer Geldzirkulation unabhängig von dem 
Besitz von edlen Metallen waren für das Bestreben nach größtmög- 
lichem Gelderwerb bestimmend. Es muß auch in Betracht gezogen 
werden, daß die damalige Welt die modernen Möglichkeiten zur Kapital- 
bildung und zur Überführung von Kapital von Land zu Land zum 
größten Teil entbehrte. Es war dann eine ziemlich natürliche Vor- 
stellung, daß die Volkswirtschaft, wenn sie nicht verarmen wollte, 
mehr verkaufen als kaufen und also die Rechnung mit einem Saldo 
in barem Geld zu ihren Gunsten abschließen mußte. Für eine moderne 
Volkswirtschaft ist dies nicht nötig: sie kann eine Überschußeinfuhr von 
Waren, die mit ausländischen Anleihen bezahlt wird, zu einer realen 
Kapitalbildung im Inneren verwenden. Sie kann auch Geld in fremden 
Ländern anlegen und Zinsen daraus ziehen und in dieser Weise in die 
Lage kommen, regelmäßig einen Überschuß von Waren auch zur Kon- 
sumtion einzuführen, ohne dadurch ruiniert zu werden. In diesen Be- 
ziehungen war der merkantilistische Staat wesentlich schlechter ge-
	        
Waiting...

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.