Full text : Theoretische Sozialökonomie

- Kap. XX. Die handelspolitischen Systeme.
Freihandelstheorie wirklich enthält. Wenn überhaupt Eingriffe des
Staates im Wirtschaftsleben, sei es zum Schutz der Schwachen oder
zur Förderung positiver Ziele, gerechtfertigt sind, so gibt es a priori
keine Veranlassung, warum sie speziell in der Form von Zöllen. verdammt
 werden sollten. Die hier berührten Unklarheiten der populären
Freihandelstheorie werden wir im folgenden Gelegenheit haben, näher
zu beleuchten.
$ 85. Das Zollschutzsystem.
Nachdem England im achtzehnten Jahrhundert einen entscheidenden
Vorsprung in der Entwicklung von Industrie, Handel und Seefahrt erreicht
hatte, entstand in anderen Ländern die Vorstellung, daß England durch
diesen Vorsprung eine so absolute Übermacht gewonnen hätte, daß es
vollständig aussichtslos wäre, in Konkurrenz gegen England eine eigene
Industrie zu entwickeln und überhaupt das eigene Wirtschaftsleben
auf eine höhere Stufe hinaufzubringen. Die amerikanischen Freistaaten,
die sich eben von England losgemacht hatten, glaubten auch wirtschaftlich
 selbständig werden zu müssen und suchten mit einem Zollschutzsystem
 eine eigene Industrie zu entwickeln. Der erste Vertreter dieser
Richtung, Alexander Hamilton, sah in dieser Erwerbung einer Industrie
ein Mittel zur Förderung der Arbeitsteilung, zur Entwicklung der Produktivkräfte
 und zur allseitigen Beschäftigung derselben. Ein zurückgebliebenes
 Land wie Amerika konnte aber nur mit Hilfe eines Zollschutzes
 die Anfangsschwierigkeiten überwinden und sich aus dem
Stadium des reinen Agrarstaates emporarbeiten.
Unter dem Einfluß dieser Ideen entwickelte Friedrich List später in
Deutschland sein „nationales System der politischen Ökonomie‘‘, das
für die Ausbildung des neuen Zollschutzsystems eine grundlegende
Bedeutung gehabt hat. Lists Werk war stark bedingt von der damaligen
Zersplitterung Deutschlands und von seiner daraus folgenden : politischen
 Ohnmacht. Die Vereinigung Deutschlands zu einem einheitlichen
 Nationalstaate, der Deutschland die Stellung, die seiner Größe
und seiner Kultur entsprach, geben konnte, stand für List als das große
Ziel, und diesem Ziel ist sein wirtschaftliches Denken ganz und gar
untergeordnet. Bei Nationen, „welche alle erforderlichen geistigen
und materiellen Eigenschaften und Mittel besitzen, um eine eigene
Manufakturkraft zu pflanzen und dadurch den höchsten Grad von
Zivilisation und Bildung, von materiellem Wohlstand und politischer
Macht zu erstreben, welche aber durch die Konkurrenz einer bereits
weiter vorgerückten auswärtigen Manufakturkraft in ihren Fortschritten
aufgehalten werden . . . ist die Handelsbeschränkung zum Zweck der

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