Sn Kap. XX. Die handelspolitischen Systeme.
um einen freieren Verkehr zwischen den Nationen zu befördern. Sie
führen leicht zu wiederholter und beiderseitiger Erhöhung der Tarife
und treiben die Länder zu einem für beide Parteien sehr schädlichen
und auch von allgemeineren Gesichtspunkten gefährlichen Handelskrieg.
Die‘ Gewohnheit, die Tarife vor einem Eintreten in Handels
traktatsverhandlungen stark zu erhöhen, um Austauschobjekte zu haben,
hat sich auch kaum als eine vernünftige und fruchtbare Politik bewiesen.
Diese Fälle des vorübergehenden Zollschutzes bilden eigentlich
keine prinzipielle Ausnahme von der allgemeinen Theorie der Vorteilhaftigkeit
des Freihandels. Es gibt aber auch eine Reihe von protektionistischen
Argumenten, die in prinzipiellem Widerspruch mit der Freihandelstheorie
stehen, und für welche kein ökonomisch haltbarer Grund
nachgewiesen werden kann. Zu diesen Argumenten gehört vor allem
die Behauptung, daß man durch ein Zollschutzsystem der inländischen
Produktion überhaupt gegenüber der ausländischen einen Vorteil auf
dem inländischen Markt bereiten kann. Diese Behauptung bildet den
eigentlichen Inhalt der Theorie des sogenannten Solidarzollschutzes,
nach welcher die Nachteile, die ein Zollschutz für gewisse Produktionszweige
anderen Produktionszweigen bereitet, durch einen Zollschutz
auch für diese anderen Produktionszweige kompensiert werden sollen.
Man wähnt, daß in dieser Weise die ganze Last des Zollschutzsystems
der einheimischen Produktion abgehoben werden kann, so daß schließlich
sämtliche heimischen Produktionszweige von einem Zollschutzsystem
einen Nettovorteil haben. Dieses Programm des nationalen
Zollschutzes ist besonders von Bismarck in seinem bekannten Schreiben
an den Bundesrat 1878 entwickelt. Nach Bismarck richtet sich die
Abneigung gegen die Schutzzölle im wesentlichen gegen das Privilegium,
welches den einzelnen geschützten Zweigen der Produktion angeblich
auf Kosten der übrigen verliehen werde. Um nun nicht einzelnen Produktionszweigen
ein solches Privilegium zu erteilen und dadurch die
Eifersucht der übrigen zu erwecken, wollte er der gesamten inländischen
Produktion einen Vorteil vor der fremden gewähren. Ein solches System
könne nach keiner Seite hin drückend erscheinen, da es seine Wirkungen
auf alle Produktionszweige gleichmäßig verteile.
Eine ähnliche Argumentation bildet, soweit man sehen kann, den
Hauptinhalt des neueren protektionistischen Denkens in allen Ländern.
Der ganze Gedankengang ist aber vollständig unhaltbar und beruht
auf einem Verkennen des wahren Wesens des internationalen Handels
als eines Austausches von Waren. Man kann sich dies am klarsten
machen, wenn man sich vergegenwärtigt, daß bei internationalem
Handel der Teil der Kaufkraft der einheimischen Bevölkerung, der
als Nachfrage von Auslandswaren hervortritt, in Wirklichkeit zum
Kauf von Exportwaren verwendet wird, gegen welche die gewünschten
Auslandsprodukte eingetauscht werden. Sucht sich das Inland jetzt
594