Full text: Theoretische Sozialökonomie

8 85. Das Zollschutzsystem. 25 
mit Hilfe eines Zollschutzsystems selbstversorgend und also unabhängig 
von der ausländischen Zufuhr zu machen, so muß dies bedeuten, daß 
die genannte Nachfrage für Exportwaren verschwindet, einfach weil 
der frühere Bedarf von Auslandswaren nunmehr mit inländischen Pro- 
dukten befriedigt wird, und also keine Austauschobjekte erforderlich 
sind. Die Absatzmöglichkeiten müssen dadurch für eine große Gruppe 
von Industrien wesentlich vermindert werden. Das Schutzsystem 
kann also einen Teil der einheimischen Kaufkraft gewissen geschützten 
einheimischen Produktionszweigen zuwenden, muß dafür aber dieselbe 
Kaufkraft gewissen anderen Industrien entziehen, die früher auf dem 
Umwege des internationalen Austausches zur Befriedigung der ein- 
heimischen Konsumtion dienten. Es leuchtet bei dieser Betrachtung 
ein, daß ein „Schutz der gesamıen nationalen Produktion“ ein voll- 
ständiger Unsinn sein muß. Selten hat sich die Unzulänglichkeit des 
privatökonomischen Denkens zur Beurteilung sozialökonomischer Fragen 
so offenbar erwiesen. Die populäre Beweisführung geht hier von der 
einfachen privatökonomischen Wahrnehmung aus, daß ein Zollschutz 
für einen einzelnen Produktionszweig vorteilhaft sein kann, und ver- 
allgemeinert diese Wahrnehmung ohne weiteres auf die Gesellschaft 
in ihrem ganzen. Dabei glaubt sie die Tatsache vernachlässigen zı 
können, daß der Zollschutz seinem Wesen nach die einheimischen 
Käufer zwingen muß, mehr für gewisse Waren zu zahlen als bei Frei- 
handel nötig gewesen wäre, und daß er also eine Last auf gewisse Kreise 
der einheimischen Bevölkerung — sei es Produzenten cder Konsu- 
menten — darstellen muß. Bismarck und nach ihm eine Reihe von 
Protektionisten in anderen Ländern haben wohl versucht, geltend zu 
machen, daß die Last des Zollschutzes vom Auslande getragen wird. 
Wir werden im folgenden Paragraphen Gelegenheit haben, diese Mög- 
lichkeit näherzu untersuchen, bemerken hier aber nur, daß in dem Maße, 
wie dies wirklich geschieht, der Zoll nicht länger als ein Schutz für die 
einheimische Produktion wirken kann, eben weil er den inländischen 
Preis nicht erhöht. / 
Ein sehr populäres Argument ist auch, daß ein Land, obwohl der 
Freihandel prinzipiell das richtige ist, nicht freihändlerisch bleiben kann 
in einer Welt, wo alle andere Länder sich mit Zollmauern umgeben. Um 
den wahren Halt dieser Argumentation klar zu machen, brauchen wir 
uns nur zu Vergegenwärtigen, daß der Zollschutz des Auslandes, der 
sich ja gegen die Exportwaren des Inlandes richtet, den internationalen 
Warenaustausch erschwert und damit auch ein Hindernis gegen die Ein- 
fuhr von Waren darstellen muß. Wenn also die Importzölle des Aus- 
landes gewissermaßen als ein Schutz gegen die Zufuhr von ausländischen 
Waren an das eigene Land wirken, so ist es schwer zu verstehen, daß 
hier ein Grund liege, warum das Inland dieselbe Zufuhr noch mehr er- 
schweren sollte. 
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