$ 88. Der internationale Handel als ein Valutaproblem. N
verkaufen kann. Es gibt überhaupt keine absolute Überlegenheit in
dem Sinne, daß das eine Land billiger produziert als das andere. Ein
solcher Vergleich kann nur bei einem bestimmten Wechselkurs gemacht
werden. Mag das eine Land technisch und organisatorisch hinter dem
anderen zurückgeblieben sein, mag es schlechter mit Boden und Kapital
und geschulter Arbeitskraft ausgerüstet sein, es gibt jedoch immer ein
Wechselkurs, bei welchem es ebensoviel Waren an das reichere
Land verkaufen kann, wie es von diesem Land kauft, und bei welchem
also. ein Gleichgewicht im Handel mit dem anderen Land zustande
kommt. Es gibt immer Produktionszweige, die für das ärmere Land
relativ günstig liegen, und in diesen Produktionszweigen wird das Land
notwendig bei einem passenden Wechselkurs exportfähig. Die Pro-
duktionskosten sind ein Begriff, der sich auf die innere Preisbildung
eines Landes bezieht, und ein Vergleich der Produktionskosten zweier
Länder ist nur möglich bei einem bestimmten Wechselkurs. Der Wechsel-
kurs muß sich nun eben so einstellen, daß Schwäche und Stärke mit
Bezug auf Produktionskosten sich derart ausgleichen, daß die Handels-
bilanz in Gleichgewicht kommt.
Mit dieser Betrachtung ist nicht nur die klassische Lehre von den
„komparativen Kosten‘‘ in ihrer einfachsten und zugleich allg&meinsten
Form klargemacht, sondern auch der Grund gelegt für die Beantwortung
einer Reihe von Fragen, die gewöhnlich in den handelspolitischen Aus-
einandersetzungen eine große Rolle spielen. Die weit verbreitete Vor-
stellung, daß ein unentwickeltes Land einen Zollschutz braucht, um
sich überhaupt in der Konkurrenz mit einem vorgeschritteneren Lande
geltend machen zu können, erscheint jetzt als ein Mißverständnis der
elementaren Voraussetzungen eines internationalen Handels. Das-
selbe gilt natürlich von der Vorstellung, daß ein reiches Land, das in-
folge eines hohen Lebensstandards hohe Produktionskosten hat, in der
Konkurrenz mit anderen Ländern mit niedrigerer Lebenshaltung unter-
liegen muß. Wir werden im folgenden zu diesen praktischen Fragen
zurückkommen. *
Es ist jetzt zunächst notwendig, die Bedeutung des Namens „„Kauf-
kraftparität‘‘ näher klarzulegen. Ein direkter Vergleich zwischen der
Kaufkraft des Geldes in zwei verschiedenen Ländern ist wohl nicht im
exakten Sinne möglich. Wenn wir uns aber mit einem allgemeinen
groben Urteil begnügen, so bietet es keine Schwierigkeit festzustellen,
daß die Kaufkraft des Geldes in einem Lande wesentlich höher ist als
in einem anderen. Wenn, um ein Beispiel von einer freilich schon ver-
gangenen Periode zu nehmen, alles in Frankreich nominell, d. h. in
den Geldeinheiten des Landes gerechnet, etwa hundertmal so teuer ist
wie in England, so ist dies eine so offenbare Tatsache, daß das Publikum
es ganz selbstverständlich findet, daß die französische Valuta nur ein
Hundertstel des Wertes der englischen haben kann, daß mit anderen
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