Full text: Theoretische Sozialökonomie

Kap. XXI. Theorie des internationalen Handels. 
Eisenbahnbau gezogen werden. Die Gesamtausfuhr von B nach A wird 
in dieser Weise vermindert. Das dadurch entstandene Defizit in der 
Handelsbilanz wird aber durch die in A aufgenommenen Anleihemittel 
gedeckt. Drittens kann B auch seine Einfuhr für Konsumtionszwecke 
von A vermehren, und diese überschießende Einfuhr mit Hilfe der 
Anleihemittel bezahlen. Dies kann z. B. geschehen, wenn Arbeiter der 
Landwirtschaft entzogen werden um im Eisenbahnbau Anstellung zu 
finden. Die Produktion von Getreide wird dann vielleicht vermindert, 
und B hat eine entsprechende Menge Getreide von A einzuführen. In 
allen drei betrachteten Fällen ist ein Defizit in der Handelsbilanz 
entstanden. Das gesamte Defizit wird aber durch die Anleihe gedeckt. 
B exportiert eine Menge von Obligationen, die dem entstandenen Defizit 
der Handelsbilanz genau entspricht. Damit wird das Gleichgewicht 
aufrechterhalten, und eine Änderung des Wechselkurses braucht nicht 
in Frage zu kommen. Dieses Ergebnis ist auch nicht von der Voraus- 
setzung abhängig, daß B das eingeführte Kapital zum Erwerb eines 
Realkapitals verwendet. Was hier gesagt ist hat dieselbe Geltung für 
den Fall, daß B eine reine Konsumtionsanleihe aufnimmt, z. B. zur 
Deckung von Staatsausgaben. Das Wesentliche im Begriff der Kapital- 
überführung tritt hier als die Überführung von Kaufkraft hervor; es ist 
von untergeordneter Bedeutung, welche Produkte B mit Hilfe dieser 
Kaufkraft von A einkauft. 
Indessen müssen wir beachten, daß unter den jetzt betrachteten 
Verhältnissen gewisse kleinere Preisverschiebungen als Folge der Um- 
stellung in der Anwendung von Arbeitskraft und Materialien eintreten 
können. Die gedachte Überführung von Arbeitskraft von einem Berufe 
zu einem anderen läßt sich z. B. vielleicht nicht durchsetzen, ohne daß 
den betreffenden Arbeitern eine gewisse Lohnerhöhung geboten wird. 
Dadurch wird ihre Kaufkraft erhöht, was vielleicht nicht ohne Einfluß 
auf die innere Preisbildung in B bleibt. Ähnlich können gewisse kleinere 
Veränderungen in der Preisbildung in A bewirkt werden. Es ist also 
nicht ausgeschlossen, daß eine kleine Verschiebung des Wechselkurses 
infolge dieser Veränderungen zustande kommt. Diese Verschiebung 
muß aber sicher im allgemeinen von sehr untergeordneter Bedeutung 
sein. Wir wissen nämlich, daß der Wechselkurs einen hohen Grad von 
Stabilität besitzt, daß also bei jeder kleinen Verschiebung starke Kräfte 
in Wirksamkeit kommen, um die Verschiebung zu hindern. 
Die Vorstellung, daß das allgemeine Preisniveau in B durch die 
von der Anleihe bewirkte Steigerung der Kaufkraft erhöht werden 
müßte, ist offenbar falsch. Denn die ganze zusätzliche Kaufkraft muß 
direkt oder indirekt zum Einkauf von Gütern von A verwendet werden, 
und die in B wirksame Kaufkraft wird also gar nicht vermehrt. Formell 
ist auch eine Erhöhung des allgemeinen Preisniveaus in B ausgeschlossen, 
solange wir unsere Voraussetzung eines konstanten Geldwerts in 
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