Full text: Theoretische Sozialökonomie

8 90. Die Bedeutung der internationalen Kapitalbewegungen. 627 
jedem der beiden handelnden Länder aufrechterhalten. Eine Tendenz 
zur Steigerung des allgemeinen Preisniveaus in B würde in diesem Falle 
ihren Ausdruck in einer Steigerung des Wechselkurses auf B finden. Da 
aber wie gesagt die Kapitalüberführung keine solche Tendenz in sich 
birgt, so hat sie auch bei konstantem Geldwert keine notwendige Tendenz 
den Wechselkurs auf das kapitalempfangende Land zu steigern. 
Die Beispiele, dieman angeführt hat, um eine preissteigernde Tendenz 
einer Kapitaleinfuhr darzutun, sind nicht beweiskräftig und können 
kaum einer genauen Kritik standhalten. Der gewöhnlichste Fehler 
hängt damit zusammen, daß man die Kapitaleinfuhr nach einem un- 
entwickelten Land betrachtet. In solchem Falle wird wohl eine ziemlich 
allgemeine Preissteigerung für die eigenen Produkte des Landes statt- 
finden. Diese Preissteigerung ist aber eine Folge der Tatsache, daß das 
Land überhaupt in wirtschaftlicher Verbindung mit der Außenwelt 
kommt, und ist also nicht besonders als ein Ergebnis der Kapitaleinfuhr 
aufzufassen. Eine solche Preissteigerung ist auch nicht so allgemein, daß 
sie in irgendeinem genauen Sinne als eine Verminderung des Geldwertes 
betrachtet werden kann. 
Es läßt sich immerhin denken, daß eine große Anleihe vorüber- 
gehend einen gewissen Einfluß auf den Wechselkurs ausübt. Wenn 
nämlich B infolge einer Anleiheoperation augenblicklich sehr reiche 
Guthaben in der A-Valuta besitzt, und die Besitzer dieser Guthaben 
eifrig sind, dieselben zu realisieren um B-Valuta zu erwerben, so kann 
dadurch ohne Zweifel augenblicklich ein gewisser Druck auf den Wert 
der A-Valuta ausgeübt werden, wodurch also der Wechselkurs auf B 
gesteigert wird. In der Regel wird sich aber ein solcher Druck bald da- 
durch ausebnen, daß B seine Einkäufe von A steigert. Eine wirkliche 
Bilanz sämtlicher Zahlungen zwischen A und B muß unter allen Um- 
ständen für jeden Tag zustande gebracht werden. Es läßt sich also zu 
jeder Zeit nicht mehr Kaufkraft überführen, als die vermehrten Ein- 
käufe gestatten. Eine Kapitalüberführung in abstracto, wie man sich 
in der Politik die Sache gern vorstellt, gibt es nicht. Der notwendige 
Ausgleich der Zahlungen kann aber zuweilen nur unter einem gewissen 
Druck auf den Wert der A-Valuta erreicht werden. Dieser Druck er- 
schwert natürlich die Überführung der Anleihe und bildet eine Ver- 
anlassung zu einer gewissen Verlangsamung der Überführung, gleichzeitig 
wie er natürlich auch für Außenstehende, die über B-Valuta verfügen, 
ein Motiv wird, Guthaben in A bis auf weiteres zu übernehmen, wodurch 
die Besitzer solcher Guthaben instand gesetzt werden, dieselbe gegen 
B-Valuta auszutauschen. 
Was hier für den Fall einer großen Anleihe gesagt ist, gilt natürlich 
auch für kurzzeitige Kapitalbewegungen, wie sie zwischen großen Finanz- 
zentren immer vorkommen, z. B. auf Grund eines Unterschiedes in den 
Zinssätzen. Man muß erwarten, daß solche Kapitalbewegungen vor- 
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