8 91. Praktische Schlußfolgerungen, 5
um ein Land mit höherem Arbeitsstandard gegen Konkurrenz von
Ländern mit niedrigerem Arbeitsstandard zu schützen. Diese Vor-
stellung bildet den Grund einerseits für eine stark protektionistische
Politik in einer Reihe von Ländern mit hohem Arbeitsstandard, anderer-
seits für die Bestrebungen zur Uniformierung des Arbeitsstandards für
die ganze Welt. Unter Arbeitsstandard haben wir hier nicht nur das
allgemeine Niveau und die Effektivität der Arbeiterschutzgesetzgebung
zu verstehen, sondern auch die Lage der Arbeitsbedingungen, die durch
die Fachverbände der Arbeiter aufrechterhalten wird. Der Arbeits-
standard umfaßt auch nicht nur die Regelung der Arbeitszeit und der
sonstigen technischen Arbeitsbedingungen, sondern auch die des Arbeits-
lohns selbst.
Ein Streben zum Schutz des Arbeitsstandards setzt natürlich voraus,
daß ein erhöhter Arbeitsstandard die Produktionskosten verteuert,.
Wäre dies nicht der Fall, so wäre ja kein besonderer Schutz erforderlich.
Man gibt aber den Bestrebungen zur Steigerung des Arbeitsstandards
ein Schlechtes Zeugnis, wenn man ohne weiteres voraussetzt, daß eine
solche Steigerung unbedingt die Produktionskosten erhöhen müsse,
In Wirklichkeit ist dies natürlich nicht der Fall. Ein vernünftiges Hin-
aufschrauben des Arbeitsstandards sollte, wenigstens auf die Dauer, von
einer entsprechenden Steigerung der Produktivität der Arbeit gefolgt
sein. Im großen und ganzen hängt auch die ökonomische Möglichkeit
des dauernden Festhaltens des höheren Arbeitsstandards von einer
entsprechend erhöhten Effektivität ab.
Der Schutz eines höheren Arbeitsstandards mit Hilfe von Zöllen
muß aber wie gesagt voraussetzen, daß wenigstens im einzelnen Falle
die Produktion durch den höheren Arbeitsstandard verteuert wird und
nicht konkurrenzkräftig gegenüber einer Produktion sein kann, die
unter niedrigerem Arbeitsstandard getrieben wird. Dann fragt es sich
aber, ob ein solcher Produktionszweig überhaupt im höher stehenden
Lande beibehalten werden soll. Es ist vielleicht besser, diesen Pro-
duktionszweig aufzugeben, ihn einem Lande mit niedrigerem Standard
zu überlassen und sich selbst auf solche Produktionszweige zu kon-
zentrieren, in welchen man trotz des höheren Arbeitsstandards eine
Überlegenheit besitzt. Der Vorteil des internationalen Handels besteht,
wie wir wissen, in einer Arbeitsteilung und in einer Konzentration der
Produktion jedes Landes auf solche Produktionszweige, wo es eine Über-
legenheit hat. Dieser allgemein anerkannte Vorteil ist aber nicht davon
abhängig, aus welchen Ursachen die Überlegenheit entstand. Die inter-
nationale Arbeitsteilung ist wirtschaftlich berechtigt, nicht nur auf
Grund einer Verschiedenheit in Ausrüstung mit Naturmaterialien, Klima,
usw., sondern ebensowohl auf Grund einer Verschiedenheit des Arbeits-
standards. Es ist zum Beispiel möglich, daß ein Land mit Neunstunden-
tag eine Überlegenheit in gewissen Produktionszweigen besitzt, daß aber
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