Full text: Theoretische Sozialökonomie

; Kap. XXI. Theorie des internationalen Handels. 
großen und auf die Länge unmöglich ist. Wenn es gelingt, einem fremden 
Lande einen technisch höheren Arbeitsstandard aufzuzwingen als dem 
Lande wirtschaftlich paßt, so muß der höhere Standard notwendig 
durch eine Herabsetzung des Arbeitseinkommens kompensiert werden. 
Gelingt es z. B. den für das amerikanische Arbeitstempo sehr passenden 
Achtstundentag anderen Völkern aufzuzwingen, für die ein solcher 
Arbeitstag gar nicht optimal ist, so kann die Folge nur sein, daß diese 
Völker ihre Konkurrenzfähigkeit durch herabgesetzte Lohnforderungen 
wieder herstellen müssen. Dann hat man auch von protektionistischem 
Gesichtspunkt nichts gewonnen. Die Vervollständigung einer solchen 
Politik durch das Programm einer Ausschließung von Produkten, die 
mit niedrigeren Arbeitslöhnen produziert sind, ist nur geeignet, die davon 
getroffenen Völker auf ein noch niedrigeres Lebensniveau hinabzudrücken 
und gleichzeitig natürlich den internationalen Warenaustausch zu er- 
schweren und die Weltwirtschaft zu schädigen. 
Solche Bestrebungen sind besonders unvernünftig, wenn sie gegen 
ein Land gerichtet werden, von dem man große staatliche Zahlungen 
fordert. Wenn die Vereinigten Staaten erwarten, daß europäische 
Staaten ihre Kriegsschulden bezahlen sollen, so müssen sie bereit sein, 
europäische Waren in Zahlung zu nehmen, auch wenn diese Waren 
unter einem niedrigeren Arbeitsstandard produziert sind. Das Be- 
streben, den niedrigeren europäischen Arbeitsstandard mit besonderen 
Schutzzöllen auszugleichen, steht in diesem Falle als ganz unlogisch 
da. Dasselbe gilt natürlich, wenn die Ententemächte eine Kriegs- 
entschädigung von Deutschland fordern. Es ist ganz natürlich, wenn 
Deutschland, um eine solche Kriegsentschädigung zu zahlen, sich ge- 
nötigt sieht, eine Extrastunde pro Tag zu arbeiten. Es scheint eine sehr 
widerspruchsvolle Politik zu sein, wenn die Ententemächte Deutsch- 
land veranlassen wollen, mit ihnen ein Übereinkommen über einen 
gleichmäßigen Achtstundentag zu treffen. Gelingt dies, und besteht 
man fortwährend auf der Zahlung der Kriegsentschädigung, so bleibt 
Deutschland nichts anderes übrig, als eine Senkung des Arbeitslohnes, 
welche die Verkürzung der Arbeitszeit kompensiert. Ein Schutz gegen 
deutsche Waren kann unter keinen Umständen gewonnen werden. 
Denn um zahlen zu können, muß Deutschland auf irgendeinem Wege 
konkurrenzkräftig werden. 
In allen solchen Fragen der praktischen Handelspolitik ist die hier 
entwickelte Theorie des internationalen Handels geeignet, Klarheit zu 
schaffen. Wenn man nur daran festhält, daß ein Ausgleich der Handels- 
bilanz immer bei einer gewissen Gleichgewichtslage des Wechselkurses 
zustande kommen muß, und daß etwaige Kapitalüberführungen ohne 
Veränderung dieses Gleichgewichts vollzogen werden müssen, so wird 
man leicht die gewöhnlichen Fehler der populären Betrachtungen über 
solche Fragen vermeiden. 
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