11. Die Beschränkung der Bedürfnisse. II. \
solche Ausdehnung der kollektiven Bedürfnisbefriedigung bedeutet
offenbar ein Eingreifen der öffentlichen Gewalt auf dem Gebiete der
Einzelwirtschaft, indem gewisse Individualbedürfnisse als besonders
wichtig gekennzeichnet werden und die Gesamtheit der Einzelwirt-
schaften gezwungen wird, die ihr zur Verfügung stehenden Mittel in
größerem Umfang zur Befriedigung dieser Bedürfnisse zu verwenden,
als sie bei freier Wahl der Einzelwirtschaften getan haben würde. In
dieser Weise wird offenbar das Gebiet der den Verbrauch frei regelnden
Tätigkeit der Einzelwirtschaft beschränkt.
Staat und Gemeinde sind nicht die einzigen Zwangsorganisationen
zur Befriedigung kollektiver Bedürfnisse, deren sich die moderne Gesell-
schaft bedient. Es bestehen daneben auch tatsächliche, wenn auch nicht
öffentlich autorisierte Zwangsorganisationen für gewisse spezielle wirt-
schaftliche Zwecke. Als solche können die Fachverbände der Arbeiter,
sowie auch die der Arbeitgeber betrachtet werden. Das Interesse der
Arbeiter an einer Lohnerhöhung ist unter modernen industriellen Ver-
hältnissen wesentlich ein kollektives: wenn eine Lohnerhöhung einmal
durchgesetzt ist, kommt sie meistens allen Arbeitern im Fache zugute,
ohne Rücksicht auf deren Angehörigkeit zum Fachverband der Arbeiter,
also auch denjenigen Arbeitern, die zu den Streikkosten nicht beige-
tragen haben. Das einzige Mittel, alle Interessenten zur Zahlung der
Kosten heranzuziehen, ist hier, wie bei jedem Kollektivbedürfnis, die
Zwangsorganisation. Ähnlich liegen die Verhältnisse für die Arbeit-
geber. Diese Beobachtung kann zur vollständigeren Beleuchtung der
Natur der Kollektivbedürfnisse durch Zwangsorganisationen dienen.
Die Vertreter der Zwangsorganisationen zur Befriedigung von Kol-
lektivbedürfnissen treten in der Gesamtwirtschaft an die Seite der Einzel-
wirtschaften als Konsumenten, welche Ansprüche auf die Güterver-
sorgung stellen. Wenn man also die Kollektivwirtschaften als besondere
Einzelwirtschaften betrachtet, gewinnt man eine Vereinfachung des
Problems der Bedürfnisbegrenzung in der Tauschwirtschaft. Die
Ansprüche auf die Güterversorgung treten dann als eine einheitliche
Masse auf und es_gilt_ zu untersuchen, wie es möglich ist, diese An-
sprüche durch die Preisbildung so zu reduzieren, daß sie mit der zur
Verfügung stehenden Gütermenge befriedigt werden können. Zu dieser
Frage gehen wir jetzt über.
$ 11. Die Beschränkung der Bedürfnisse.
Allgemeiner Fall.
Es läßt sich eine Gesellschaft denken, in der die Gesamtheit die
ganze Bedürfnisbefriedigung für alle Mitglieder der Gesellschaft auto-
ritativ reguliert, wo nicht nur die kollektive, sondern auch die indivi-
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