Full text: Theoretische Sozialökonomie

68 Kap. III. Das wirtschaftliche Prinzip in der Tauschwirtschaft. 
sondern auch eine neue Nachfrage seitens solcher Haushaltungen, die 
früher durch den hohen Preis eben von einer Bedürfnisbefriedigung aus- 
geschlossen waren, erwecken kann. Die Kenntnis der Elastizität der 
achfrage ist, von großer praktischer Bedeutung in allen den Fällen, 
wo man den Preis der Ware oder eines Dienstes willkürlich zu_be- 
stimmen hat oder in einer gewissen Richtung beeinflußt, also z. B. bei 
Feststellung von Eisenbahntarifen oder bei Einführung oder Verände- 
rung von Zöllen oder Akzisen. Theoretisch hat diese Kenntnis immer 
Interesse für die Beurteilung der Wirkung einer einmal eingetretenen 
Preisverschiebung auf die Konsumtion. Leider besitzen wir aber nur 
sehr unvollkommene Mittel, um durch Beobachtung des wirklichen Wirt- 
schaftslebens ziffernmäßige Angaben über die Elastizität der Nachfrage 
zu gewinnen. Die Schwierigkeit. liegt nicht nur in der Unvollkommen- 
heit unserer Verbrauchsstatistik, sondern auch in der Natur des Pro- 
blems. Was wir zu wissen wünschen, ist nämlich, wie die Nachfrage 
eines Gutes sich verändert, wenn der Preis dieses Gutes eine gewisse 
kleine Veränderung durchmacht, alle übrigen Preise aber konstant 
bleiben. Diese Bedingung wird nun niemals streng erfüllt, kann schlecht- 
hin, wie wir später sehen werden, nicht erfüllt werden. Dazu kommt, 
daß die Gewohnheiten und die Geschmacksrichtungen, zuweilen auch 
die realen Bedürfnisse der Konsumenten sich in einem gewissen Zeit- 
raum bedeutend verändern können. Unsere Beobachtung der Wir- 
kungen einer innerhalb eines gewissen Zeitraumes vollzogenen Preis- 
variation ist demnach immer von verschiedenen störenden Momenten 
verschleiert. Um eine Vorstellung von der Elastizität der Nachfrage 
zu gewinnen, kann man wohl auch von einer vergleichenden Zusammen- 
stellung mehrerer auf dieselbe Zeit sich beziehenden typischen Ausgabe- 
budgets von Wirtschaften verschiedener Klassen der Gesellschaft aus- 
ehen und aus diesem Material abzulesen suchen, wie die verschiedenen 
Bedürfnisse verschieden zusammengepreßt werden, wenn das Ein- 
kommen kleiner und kleiner wird und also die Preise im Verhältnis 
um Einkommen steigen. Ein solches Studium hat natürlich an sich ein 
großes Interesse für unsere Kenntnis der.Einwirkung der Preisbildung 
auf die Gesamtnachfrage der Tauschwirtschaft und der Art der Be- 
schränkung der Bedürfnisbefriedigung, die durch die Preisbildung er- 
reicht wird. Man kann aber aus einem solchen Material offenbar nur 
ganz allgemeine Schlüsse auf die Elastizität der Nachfrage nach ver- 
schiedenen Gütern ziehen. | 
Die Kenntnis der Elastizität der Nachfrage nach den verschiedenen 
Gütern gibt uns eine Vorstellung von den Tendenzen zu einer Ver- 
änderung der Nachfrage bei einer Veränderung der Güterpreise. Diese 
endenzen haben im ganzen immer den Charakter einer Reaktion gegen 
die Veränderung der Preise: eine Steigerung der Preise veranlaßt 
einen Rückgang der Nachfrage und umgekehrt. Eine solche Reaktion
	        
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