Full text: Theoretische Sozialökonomie

$ 11. Die Beschränkung der Bedürfnisse. II. 53 
den unendlich vielen Bedürfnissen eine gewisse Menge zur Befriedigung 
bestimmt wird. Das wirtschaftliche Prinzip erfordert, daß jedes Be- 
dürfnis, das befriedigt wird, wichtiger ist als jedes, das unbefriedigt 
gelassen wird. Für jede Wirtschaftsordnung ist es von wesentlicher 
Bedeutung, wie diese Forderung erfüllt wird. In der geschlossenen 
Eigenwirtschaft wird die nötige Klassifizierung der Bedürfnisse von 
einem einheitlichen Willen durchgeführt. Innerhalb der Tauschwirt- 
schaft unternimmt jede Einzelwirtschaft eine entsprechende Klassi- 
fizierung ihrer Bedürfnisse. Für die Klassifizierung der gesamten Be- 
dürfnisse der ganzen Tauschwirtschaft ist aber keine solche autorita- 
tive Stelle vorhanden. Wie ist ein Vergleich zwischen der Bedeutung 
eines Bedürfnisses und der Bedeutung eines anderen möglich, wenn die 
beiden Bedürfnisse verschiedenen Einzelwirtschaften angehören? Die 
Tauschwirtschaft braucht für diesen Zweck einen gemeinsamen Maß- 
stab für die Bedeutung aller verschiedenen Bedürfnisse. Sie findet 
diesen Maßstab, indem sie für jedes Gut gleichförmiger Qualität einen 
einheitlichen Preis setzt und die Zahlung dieser Preise als Bedingung 
der Bedürfnisbefriedigung stellt. Dies kommt darauf hinaus, daß ein 
Bedürfnis, für welches der bestehende Preis bezahlt wird, immer als 
wichtiger erachtet wird, als ein Bedürfnis, für welches derselbe Preis 
nicht bezahlt wird. Die Tauschwirtschaft mißt also die Wichtigkeit der 
verschiedenen Bedürfnisse nach den Geldsummen, die für die Befrie- 
digung derselben geboten werden. 
Man kann fragen, ob diese Methode zur Verwirklichung des wirt- 
schaftlichen Prinzips auch die richtige ist. Die Einwendung liegt doch 
nahe, daß der Brotbedarf des hungernden Mannes viel wichtiger ist als 
der Bedarf des reichen nach Brot zur Fütterung seiner Hunde und daß 
eine Gesellschaft, die dieses Bedürfnis vor jenem befriedigt, nicht ratio- 
nell- mit den ihr zur Verfügung stehenden Mitteln wirtschaftet. Allein, 
diese Einwendung richtet sich entweder gegen die unvernünftige An- 
wendung, die die Reichen von ihrem Geld machen, und ist insofern nicht 
prinzipiell gegen die gleichförmige Preisbildung gerichtet, oder sie ist im 
wesentlichen als eine Kritik der bestehenden Einkommensverteilung 
aufzufassen. Diese trägt die Schuld, wenn der Brotbedarf des Armen 
nicht befriedigt wird, nicht die einheitliche Preissetzung für das Brot. 
Man könnte den angedeuteten Mißständen dadurch abzuhelfen suchen, 
daß man den Ärmeren Güter zu billigeren Preisen verkaufte. Wollte 
man diesen Plan vollständig gleichmäßig für alle Güter durchführen, 
würde dies lediglich mit einer Erhöhung der Einkommen der ärmeren 
Klassen gleichbedeutend sein. Unter welchen Bedingungen eine Er- 
höhung dieser niedrigeren Einkommen möglich und mit den Grundlagen 
und der wirtschaftlichen Leitung der Tauschwirtschaft vereinbar ist, 
ist eine Frage, die wir im letzten Kapitel des folgenden Buches näher 
zu beleuchten Gelegenheit haben werden. Würde aber die Verbilligung 
1.
	        
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