8 12. Die Regulierung der Produktion. Prinzip der Knappheit. 77
der Produktion unter vollständiger und wirtschaftlichster Anwendung
aller vorhandenen Produktionsmittel durchführt. Dieser vollständige
Preisbildungsprozeß umfaßt somit auch die im vorigen Paragraphen
behandelte Preisbildung für fertige Güter, die die Aufgabe hatte, die
Nachfrage in Übereinstimmung mit den zur Verfügung stehenden
Mengen dieser Güter zu regulieren.
Sobald eine Preisbildung für die Produktionsmittel durchgeführt
ist, wird man für jedes fertige Produkt einen Preis berechnen, der dem
Gesamtpreis aller für seine Herstellung in Anspruch genommenen
Produktionsmittel entspricht. Wir setzen in diesem Paragraphen voraus,
daß diese Menge von Produktionsmitteln bestimmt ist, so daß der ge-
nannte Gesamtpreis eindeutig berechnet werden kann. Wir nennen
diesen Preis die Kosten des fertigen Produkts. Die Kosten in diesem
Sinne stellen wesentlich einen tauschwirtschaftlichen Begriff dar und
werden erst durch die Preisbildung der Tauschwirtschaft bestimmt. Das
Wort ‚Kosten‘ wird auch benutzt, um die Realproduktionskosten,
also die Gesamtheit der erforderlichen Produktionsmittelquantitäten
zu bezeichnen. Dieser Begriff läßt sich aber nicht arithmetisch defi-
nieren und schließt also einen arithmetischen Vergleich zwischen ver-
schiedenen ‚„Kosten‘‘ aus.
Es ist notwendig, auf den Unterschied hinzuweisen, der zwischen
dem hier definierten Kostenbegriff und dem Kostenbegriff, wie er wohl
in der ökonomischen Theorie vorherrscht und besonders klar in der
Darstellung Marshalls hervortritt, besteht!). In Marshalls Auf-
fassung repräsentieren „Kosten‘‘ wesentlich eine persönliche Leistung,
eine Anstrengung, eine Aufopferung, welche kompensiert werden muß,
damit sie dargeboten werden soll. Hier dagegen wird der Begriff der
Kosten rein objektiv als ein Ergebnis des Preisbildungsprozesses auf-
gefaßt. Für diesen Kostenbegriff ist nur die Knappheit der betreffenden
Produktionsmittel eine wesentliche Voraussetzung. Der Preis braucht
nur auf dieser Knappheit zu beruhen, ist keineswegs notwendig als eine
Bedingung des Angebots des betreffenden Produktionsmittels aufzu-
fassen. Wir werden finden, daß dieser Unterschied von durchgreifender
Bedeutung ist für die Behandlung der Preisbildung der verschiedenen
Hauptgruppen von Produktionsmitteln und somit für die ganze theo-
retische Ökonomie (vgl. 8 19).
Vom Gesichtspunkt einer Einzelwirtschaft oder eines speziellen
Produktionszweiges müssen die Produktionskosten eines Gutes ganz
natürlich als gegeben erscheinen. Denn die Ansprüche, die von dieser
speziellen Stelle auf die Produktionsmittel gestellt werden, sind meistens
verschwindend klein im Verhältnis zur Gesamtnachfrage der Tausch-
l) Marshall, Principles, V, IH, 2.