Full text: Das Erkenntnisproblem in der Philosophie und Wissenschaft der neueren Zeit (Bd. 1)

Erstes Kapitel. 
Nikolaus Cusanus. 
Wenn man in Nikolaus Cusanus den Begründer und Vor- 
kämpfer der neueren Philosophie sieht, so kann sich dieses Urteil 
nicht auf die Eigenart und den objektiven Gehalt der Probleme 
berufen, die in seiner Lehre zur Darstellung und Entfaltung 
kommen. Die gleichen Fragen, die das gesamte Mittelalter be- 
wegt haben, treten uns hier noch einmal entgegen: noch wird 
das Verhältnis Gottes zur Welt unter den speziellen Gesichts- 
punkten der christlichen Erlösungslehre betrachtet und zum Mittel- 
yunkt der Untersuchung gemacht. Wenn das Dogma nicht mehr 
unbedingt den Weg und Gang der Forschung bestimmt, so weist 
as ihr doch ihre letzten Ziele. An den Problemen der Christologie, 
an den Fragen der Dreieinigkeit und der Menschwerdung Gottes 
erwächst und entwickelt sich die Philosophie des Cusanus. Das 
ist das Charakteristische für die geschichtliche Stellung des 
Systems: dass es sich nicht unmittelbar dem neuen Inhalt zu- 
wendet, sondern an dem überlieferten Stoff selbst eine Wandlung 
und Fortbildung vollzieht, die ihn den Forderungen einer neuen 
Denkart und Fragestellung zugänglich macht. — 
In allen Phasen des Systems bildet daher die Gotteslehre 
den einheitlichen Mittelpunkt. In ihr konzentrieren sich die all- 
zemeinen Grundgedanken; in ihrer Entwicklung spiegelt sich jeg- 
licher Fortschritt und jegliche Anregung, die von Seiten der 
wissenschaftlichen Forschung ausgeht. In den frühesten Schriften 
sind Gottesbegriff und Erkenntnisbegriff zunächst negativ auf ein-
	        
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