Im Jahre 1914 betrug der Prozentsatz der gesamten industriellen
Lohnarbeiter, welche 54 und mehr Stunden pro Woche arbeiteten,
74,8 Prozent. Er ging bis zum Jahre 1919 auf 34,9 Prozent zurück
und weiter bis 1921 auf 22,5 Prozent. Dennoch haben zurzeit wahr-
scheinlich noch nicht viel mehr als die Hälfte der amerikanischen
Arbeiter die achtundvierzigstündige oder eine noch kürzere Arbeits-
woche. Es bleiben also wohl fast 30 Prozent der Arbeiterschaft,
die zwischen 48 und 54 Stunden wöchentlich arbeiten. Immerhin
hat die Bestrebung der Arbeitszeitverkürzung ziemlich anhaltende
Erfolge aufzuweisen. Nach Ablauf der Hochkoniunktur der ersten
Nachkriegsiahre haben zwar bedeutende Lohnreduktionen, dagegen
kaum eine irgendwie beträchtliche Verlängerung der Arbeitszeit
stattgefunden.
10. Das Arbeitstempo.
Auch zu dem vielgerühmten „amerikanischen Arbeitstempo“ soll
hier ein Wort gesagt werden. In einer deutschen Unternehmer-
schrift über Amerika wird dies mit der vorsichtigen Anspielung auf
den (längst nicht mehr bestehenden) Entlassungsschutz in Deutsch-
land und das Widerstreben deutscher Arbeiter gegen Überstunden-
missbrauch sowie durch die ausdrückliche Bestätigung, der
amerikanische Arbeiter erfülle „seinen Arbeitsvertrag in ehrlicher
Weise“, geradezu so dargestellt, als ob es sich bei amerikanischen
und deutschen Arbeitern um zwei Typen handle, von denen der
eine in klarer Erkenntnis, dass seinLohn oder Wohlstand allein „von
der Produktion pro Mann“ abhängt, seine Pflicht tut, während
der andere unter dem Schirm des Entlassungsschutzes recht ver-
gnüglich auf den Zahltag wartet. Die deutschen Arbeiter mögen
das in diese Andeutungen eingewickelte Kompliment ruhig hin-
nehmen mit dem Troste, dass gerade in Amerika der deutsche
Arbeiter stets mit zu den fleissigsten und geschicktesten Leuten
seines Berufes, aber auch zu den eifrigsten Gewerkschaftern gehört,
sich also dort wie hier gegen Überstundenunfug und willkürliche
Entlassungen zur Wehr setzt. Dass wirklich notwendige Über-
stunden von deutschen Gewerkschaftern ebenso wie von amerika-
nischen akzeptiert werden, bedarf einer besonderen Betonung nicht.
Um nun zu einer sachlichen Betrachtung der Frage des Arbeits-
tempos überzugehen, wollen wir vorweg das eine feststellen,
worüber die Wahrnehmungen unserer Delegierten übereinstimmen:
Das Arbeitstempo ist in den einzelnen Industriezweigen grundver-
schieden. Der Vorsitzende des Deutschen Holzarbeiter-Verbandes
berichtet, dass er in seinem Gewerbe ein Arbeitstempo vorgefunden
habe, das keineswegs höher war als in seinem deutschen Berufe.
Von Neubauten, die wir uns ansahen, und aus Zeitungsdruckereien,
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