442
Siebentes Kapitel.
Staatsausgaben und Volkseinkommen.
Zusammenfassung.
Die Aufgaben, die der Finanzstatistik nach den einleitenden Ausführungen (vgl. S. 10ff.) gestellt sind,
konnten in dieser Arbeit nur teilweise erfüllt werden. Infolgedessen ist es auch noch nicht möglich, alle
Schlußfolgerungen zu ziehen, die eine voll durchgebildete international vergleichende Finanzstatistik an
sich ermöglichen würde. Eines der wesentlichsten Probleme des internationalen Finanzvergleichs ist die
Erkenntnis der Art und Weise, in der die öffentliche Wirtschaft in die gesamte Volkswirtschaft eingegliedert
ist. Zur statistischen Behandlung dieses Problems bedarf es eines kurzen zahlenmäßigen Ausdrucks für die
Leistungen der Gesamtwirtschaft. Einen solchen bieten die Schätzungen des Volkseinkommens, die unter
gewissen Vorbehalten als Vergleichsgrundlage angesehen werden können. Allerdings stellen derartige
Schätzungen nur einen sehr rohen Maßstab dar. Die bisher für die Erfassung des Volkseinkommens zur
Verfügung stehenden Methoden beruhen auf zum Teil so unsicheren und vor allem in den einzelnen
Ländern so verschiedenartigen statistischen Grundlagen, daß die nach ihnen berechneten Volkseinkommens-
ziffern kein wirklich zuverlässiges Gesamtbild der betreffenden Volkswirtschaft geben: In der Nach-
kriegszeit kommt erschwerend hinzu, daß die schwankenden Währungsverhältnisse in den meisten Ländern
die Berechnung des Volkseinkommens für die Gegenwart fast unmöglich machen, so daß man mit
Ausnahme von Großbritannien auf Angaben angewiesen ist, die meist auf Grund der Vorkriegsziffern
mehr oder minder schätzungsweise die eingetretenen Wandlungen zu berücksichtigen suchen. Die Ziffern
der nachfolgenden Übersichten dürfen daher besonders für die Nachkriegszeit nur als ungefähre Anhalts-
punkte gewertet werden.
Die Auswertung der Volkseinkommensziflern wird weiter dadurch erschwert, daß eine international
vergleichbare Gliederung völlig fehlt. Die Gliederung des Volkseinkommens spielt aber in doppelter
Hinsicht eine Rolle. Zunächst ist der Aufbau der »Einkommenspyramide«, d.h. die Verteilung des
Einkommens ‚auf die einzelnen Wohlstandsgruppen, für alle Schlußfolgerungen wesentlich. Ferner läßt
sich eigentlich kein Urteil über die Bedeutung des Umfangs und der Intensität der staatlichen Wirksamkeit
gewinnen, wenn nicht auch der Anteil des sogenannten »existenznotwendigen« Bedarfs an der gesamten
Einkommensverwendung berücksichtigt wird. »Was ergibt sich aus der Tatsache, daß ein Land Steuern
etwa in Höhe von 20 vH des Einkommens, eine anderes etwa in Höhe von 10 vH des Einkommens zahlt,
wenn das erste ein reiches Land ist, in dem das Durchschnittseinkommen sehr hoch liegt, während das
andere ein armes Land ist, das nur kümmerlich seine Bevölkerung durchhalten kann?«!) Die unter
diesem Gesichtspunkt erforderliche Gliederung des Volkseinkommens nach »Existenzminimum« und
»freiem Einkommen« ist jedoch infolge der Mängel in den bisher gangbaren statistischen Methoden nicht
durchzuführen. Es besteht keine Möglichkeit, den Einkommensbetrag einwandfrei zu ermitteln, der für
die Existenzmöglichkeit, d.h. die Erhaltung der Arbeitsfähigkeit und der Produktivkräfte eines Volkes
auf einem bestimmten Niveau unbedingt erforderlich ist.
Für die vorliegende Fragestellung kommt es allerdings weniger auf die absolute Höhe des Existenz-
minimums als auf seine Abweichungen in den einzelnen Ländern an. Schon die klimatischen Unterschiede
etwa zwischen Großbritannien und Italien deuten auf derartige Verschiedenheiten hin. Ein gewisser ziffern-
mäßiger Anhalt dafür läßt sich aus einem Vergleich der Arbeitslöhne gewinnen. Wenn man annimmt, daß
die Löhne der schlechtest bezahlten Arbeiterkategorien in allen Ländern im gleichen Verhältnis zum
Existenzminimum stehen, also immer in gleicher Weise über oder unter demselben liegen, so könnte man
aus diesen Löhnen auf die Unterschiede im Existenzminimum schließen. Tatsächlich trifit diese Vor-
aussetzung nur bedingt zu, da die Verhältnisse des Arbeitsmarktes, die die Gestaltung der Löhne be-
einflussen, international nicht gleichartig sind. Auch stößt die Umrechnung der allgemein bekannten
Stunden- bzw. Wochenlöhne auf Jahresverdienste und die Berücksichtigung der mitzuernährenden Familien-
angehörigen wegen der nationalen Unterschiede auf die größten Schwierigkeiten. Immerhin weisen die
folgenden Zahlen auf die Abweichungen hin, die bei Löhnen und Existenzminimum zwischen den einzelnen
Ländern bestehen. Anfang Dezember 1925 lagen die tarifmäßigen Stundenlöhne ungelernter, Jediger
Hilfsarbeiter (ohne soziale Zulagen) in einigen wichtigen "Gewerbezweigen:
in Großbritannien zwischen ..... 0,52 und 0,86 Mark Vorkriegskaufkraft ?)
» Frankreich » Yemen 0,36: 90,70 m +
» Italien » Kan 0,34: #048
1) Pirelli a.a. 0. S. 64.
*) Umgerechnet über den Lebenshaltungsindex vom 1. Dezember 1925. Für Frankreich mußte der durchsehnittliche Ernährungsindex
für das 4, Vierteljahr 1925 verwendet werden.” Für Belgien fehlen die entsprechenden vergleichbaren Lohnziffern.