Ueber Individualität im deutschen Mittelalter. 27
wie seine äußerlichsten Erscheinungen hinein das Gepräge größerer
individualer Ausbildung annahm, war noch sehr wenig zu einer
systematischen Auffassung dieser neuen Lage der Dinge geschehen.
Es kam hier hauptsächlich auf einen Anbau der ethischen und
osychologischen Disciplinen der Philosophie an. Allein die
Philosophie hatte als Hauptaufgabe die Beweisführung für
die Wahrheit theologischer Sätze. Die Mühen ihrer Vertreter
varen daher meist der Ausarbeitung der Methodik des syllo—
gistischen Schlusses zugewandt, es fehlte die Nöthigung zum
Aufsuchen einer centralen philosophischen Auffassung; die Per—
fönlichkeit des Philosophen war von seinem System fast ebenso
ausgeschlossen, wie die des Mathematikers. So wird die
recipierte kirchliche Scholastik geradezu zur Feindin individualer
Entwicklung; wo nur immer das Recht der Persönlichkeit durch—
brechen will, tritt sie gegen dasselbe auf. Damit ergiebt sich
hre Anwendung in der Politik und ihre Stellung im staats—
kirchenrechtlichen Streite des 14. Jahrhunderts, damit ihre
treue, ja dienende Stellung zu den Principien der Theologie,
wie sie im 10. und 11. Jahrhundert herangereift waren. Die
Geltung des Individuums verschwand ihr vor der Betonung
des objectiven Verhältnisses zwischen Gott und Welt. Anselms
Versöhnungslehre läßt die ethische Seite der Sache ganz un—
beachtet; sie construiert nur eine Discrepanz zwischen Gottes
Liebe und Gottes Gerechtigkeit, welche ihre juridische, nicht
moralische Lösung im Tode Christi findet. Erst in der philo—
sophischen Gegnerschaft der Kirche wurde man aufmerksam auf
die Fortschritte individualen Lebens und folgte den geheimen
Gängen dieser Entwicklung.
Es war Abälard, welcher in seiner Schrift Nosce te ipsum
das erste System mittelalterlicher Ethik gab. Er zuerst betont
viederum die Continuität sittlichen Bewußtseins, sowie die
Verantwortlichkeit desselben im Conflicte mit den positiven
Normen der Sittlichkeit, und er mißt den Grad dieser Ver—
antwortlichkeit nicht so sehr nach der objectiven Größe des
Fehlers, als vielmehr nach dem Verhältniß, das zwischen dem
Vergehen und der relativen Entwicklung des ethischen Bewußt⸗