Full text: Neueste Zeit (Abt. 3)

532 Zweiundzwanzigstes Buch. 
Frauenplan, des heutigen Goethehauses, fand es gleichsam 
einen symbolischen Ausdruck. 
In denselben Jahren aber hatte sich Schiller ganz anders 
entwickelt. Die Erfolge seiner Dramen hatten ihn schon gegen 
Ende des neunten Jahrzehnts zu einem der volkstümlichsten 
Dichter der Nation gemacht; von da ab auch in materiell stets 
zuünstigerer Lage, jung verheiratet, von dem Korporations— 
geiste der Universität Jena nicht ohne frisches Selbstgefühl 
gehoben, mochte er wohl das Auge himmelwärts lenken. Und 
schon umgaben ihn neue liebende Freunde, deren Lob und 
Tadel ihm Bedürfnis war, oder standen in naher Aussicht: 
zu Körner und den Weimarer Bekannten traten Wilhelm von 
Humboldt und Fichte. 
Nur der Zeus von Weimar fehlte noch! Schiller hatte 
ihn zum erstenmal im Jahre 1779 zusammen mit Karl August 
als illustren Gast der Stuttgarter Akademie gesehen; er hatte 
ihn bewundert, seitdem er Dichtungen von ihm kannte; er 
hatte Anknüpfungen zu ihm gesucht, sobald sein Fuß ver— 
weilend Thüringer Land durchstreift hatte; er war überzeugt 
von seiner überragenden Größe; er hatte ihn geliebt wie ein 
prüdes Mädchen, Jahre hindurch geliebt mit stillem Groll — 
und Goethe hatte sich ihm entzogen! Gewiß: der Minister 
hatte dem Menschen Schiller mit einer Professur in Jena aus— 
geholfen — und wie Schiller in bitteren Stunden meinte, ihm 
damit von Weimar fortgeholfen; den Dichter aber kannte und 
anerkannte der Dichter nicht. 
Da kam, als sich in Goethe neue Geister regten, im 
Sommer 1794 die entscheidende Stunde: für Schiller — und 
im Grunde auch für Goethe — die Stunde der Erlösung. 
Schiller bewies Goethe, daß er, und er vielleicht allein, ihn 
kannte, und daß das ihn schätzen hieß. Und er bewies ihm 
aicht minder, daß er auch sich selbst kannte — und schätzte. 
Die Zeiten, die nun begannen, wurden von Körner mit 
der Bemerkung an Schiller eingeleitet: „Freundschaft erwarte 
ich nicht (zwischen Euch beiden), aber gegenseitige Reibung und 
dadurch Interesse füreinander.“ Ist es wirklich nun so ge—
	        
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