Full text: Holländische Wirtschaftsgeschichte

die bäuerische Eigenart hat selbst das Volk an den Küsten nie 
verleugnen können. Einer einheitlichen Bebauung waren zwar die 
großen Unterschiede in der Bodenbeschaffenheit nicht förderlich; 
nur wenige Gebiete besaßen von vornherein einen Boden, der für 
Brotfrüchte sich eignete; mühsam mußten andere Strecken dieser 
Bebauung gewonnen, zum Teil selbst dem Meere entrissen werden; 
und frühzeitig war man auf die Zufuhr von auswärts angewlesen. 
Weite Strecken aber waren lediglich zur Viehzucht verwendbar 
und beförderten eine ausgedehnte Produktion von Fleisch und 
Milcherzeugnissen. Die besten Vorbedingungen gewährten die natür- 
lichen Verhältnisse des Landes doch für Handel und Schiffahrt; 
schon der erwähnte Mangel an lebensnotwendigen Rohprodukten 
machte das Land abhängig von Handel und Schiffahrt, die jene 
herbeischaffen mußten. Am Meere gelegen, das den Bewohnern 
ebenso offen stand wie die östlichen und südlichen Nachbarländer, 
mit langgestreckten Küsten und tiefen Einbuchtungen (Dollart, 
Zuiderzee, Maas) bot das Land seit dem Mittelalter dem Seehandel 
ein ausgezeichnetes Betätigungsfeld. Nicht in jeder Beziehung günstig 
waren in jener Richtung die Wasser- und Stromverhältnisse. Zwar 
durchfloß ein mächtiger Strom in seinem Unterlauf das Land, das 
dadurch sein Mündungsgebiet wurde; aber die Deltagliederung war 
dem Großverkehr auf diesem Strom ebenso hinderlich wie einer 
die Vorteile des Stromes voll ausnützenden Hafengründung. Daher 
war Antwerpen, das an der kleineren, aber ungebrochenen Schelde- 
mündung lag, weit bevorzugt vor Amsterdam und Rotterdam, deren 
Wasserverhältnisse mangelhaft waren und die erst im 19. Jahr- 
hundert durch künstliche Wasserbauten die Mängel ihrer natür- 
lichen Lage ausgeglichen haben. Für Landwirtschaft und Industrie 
aber boten die in dem völlig horizontal gestalteten Lande träge 
dahinfließenden Gewässer insofern viele Schwierigkeiten, als sie 
eine rationelle Ausnutzung der Wasserkraft verhinderten, So daß 
die Bevölkerung zu dem Hilfsmittel der Windmühlen griff, die das 
Land entwässerten und eine künstliche Wasserkraft schufen). 
Für den Handel der Niederlande war es ferner von großem 
Werte, daß zwischen Rhein und Maas sich ein geschlossenes, weites 
2) Den Vorteil der Windmühlen schätzte der Engländer Petty (etwa 1663) 
auf etwa 150000 £ im Jahr (Pierson, S. 106). Über die den verschiedensten 
Zwecken dienenden Windmühlen vgl. Sombert, Kapitalismus, I, 485 ff. 
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