Full text: Holländische Wirtschaftsgeschichte

stand, griff man zu Maßregeln gegen den Vorkauf. Noch 1662 wurde an Minder- 
bemittelte Getreide verkauft; man gab Marken aus, gegen die die Bäcker das Brot 
billiger lieferten. Der direkte Einkauf der Stadt führte jedenfalls dazu, das Monopol 
der Getreidehändler zu brechen, ohne daß dadurch der Handel an sich irgendwie 
gestört wurde!). Auf diesem Gebiete offenbarte sich wirklich eine soziale Gesin- 
nung; sonst findet man wenig Spuren einer solchen im alten Holland; die individu- 
alistische Richtung beherrschte hier das öffentliche wie das private Leben. 
Diese Fürsorge für das Volk in einem Notstand trug noch 
einen völlig mittelalterlichen Charakter. Aber diese Beurteilung 
raubt ihr nichts von ihrem sittlichen Wert?). Es läßt sich nicht 
behaupten, daß im 19. Jahrhundert die Fürsorge des Staates für 
die arbeitenden Klassen zunächst einen höheren Schwung genom- 
men hätte; vielleicht wäre dieser .neuen Zeit gern etwas mittel- 
alterlicher Geist in dieser Hinsicht zu wünschen gewesen. 
$ 5. Schiffahrt. 
Die Bedeutung der Schiffahrt für das nicder- 
ländische Wirtschaftsleben kann nicht hoch genug ge- 
schätzt werden: sie hat set dem Mittelalter 
den Kern der niederländischen Macht gebildet 
und dieses Volk über die ganze Erde getragen, ihm den Ruf und 
Ruhm eines der größten, Seefahrt treibenden Völker für alle Zeiten 
verliehen. Auf der Schiffahrt beruhte auch die politische 
Bedeutung der Niederlande, die freilich nur! ver- 
hältnismäßig kurze Zeit von Bestand gewesen ist, es aber doch 
bewirkt hat, daß dieses kleine Land sich mit großen Mächten, wie 
Spanien, England, Frankreich messen konnte. Als die niederlän- 
dische Seemacht in ihrer kriegerischen Form verfiel, trat die Geld- 
macht, der Kredit an ihre Stelle. 
Von den Engländern unterschieden sich 
die Holländer bei der Begründung ihrer Seegeltung in einem 
wichtigen Punkte. Eigentlichen Raubfahrten, wie jene sie im 16. 
Jahrhundert betrieben, waren sie abgeneigt; sie hatten von An- 
l) Bunk, S. 108 f., tadelt mit Unrecht diese vorsorgliche Getreidepolitik 
der Stadt, die mit Freihandel oder Protektionismus nichts zu tun hatte. Schon 
Unger, Graanhandel, S. 481 ff., wendet sich gegen die Auffassung Bunks. 
2) Vgl. über den Geist einer solchen Teuerungspolitik v. Below,„‚, Terri- 
torium und Stadt, S. 247 (f. 
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