2. Kap. Die primitiven Stufen 23
die Volkszahl künstlich klein zu halten und sie so in Einklang mit
den ungünstigen äußeren wirtschaftlichen Verhältnissen zu bringen.
Carr-Saunders!) hat neuerdings diese Seite der Frage, die Re-
gulierung der Volkszahl auf den primitiven Stufen, besonders ein-
gehend behandelt. Vor allem im Zusammenhang mit der so häufig
und so regelmäßig auf diesen Stufen auftretenden Not und den
kümmerlichen Voraussetzungen alles Lebens, begegnen wir immer
wieder Maßnahmen, um ein starkes Anwachsen der Volkszahl zu
begrenzen, wie hauptsächlich der Fruchtabtreibung und der Kinder-
tötung. Von den Buschleuten berichtet Passarge: „Das Ernähren
und das Aufziehen eines Kindes erfolgt nur dann, wenn die Mutter
genügend Nahrung hat, also selbst in genügendem Ernährungszustand
sich befindet und wenn das letzte Kind bereits so weit entwickelt
ist, daß es sich selbst Wurzeln und Knollen graben, Melonen usw.
sammeln kann. Ist das nicht der Fall, so wird das Neugeborene
lebendig begraben. Denn bei der Härte des Lebens und dem Kampf
ums Dasein ist es der Buschmannfrau nicht möglich, zwei Kinder
auf einmal aufzuziehen. Stirbt eine Frau infolge der Entbindung,
so wird das Kind mit ihr beerdigt“?). Damit und mit der großen
Kindersterblichkeit hängt dann die geringe Zahl von Kindern zu-
sammen, der wir im allgemeinen auf diesen Stufen begegnen.
Allerdings — es sei nur auf die eben genannten Arbeiten
von Peiper hingewiesen — spielen auch noch manche andere
Faktoren dabei eine Rolle, aber in der Hauptsache muß man doch
in der geringen Kinderzahl auf diesen Stufen ein Mittel sehen, um
die Volkszahl dem vorhandenen Nahrungsspielraum anzupassen,
J., Wolf hat mit Recht hervorgehoben, daß gerade auf diesen
primitiven Stufen das Malthussche Bevölkerungsgesetz, daß
die Zahl der Menschen ständig gegen den Nahrungsspielraum preßt
ünd von nichts anderem, als von dessen Größe abhängt, volle Geltung
besitzt. Hier preßt die Natur mit voller Stärke gegen die Volkszahl
und der Mensch ist noch nicht imstande, der Natur mehr an Gaben
abzunehmen, als sie ihm freiwillig darbietet.
Freilich begegnen wir schon auf diesen einfachen Stufen noch
anderen Mitteln und Wegen, den Gefahren, die aus einer un-
‘) Carr-Saunders, The population problem, Oxford 1922. — Vgl. dazu auch!
J. v. Koch, Der Zusammenhang zwischen Natur, Wirtschaft und Bevölkerung bei den!
Eingeborenen des australischen Festlandes. Diss., Freiburg 1921. — Külz, Zur
Biologie und Pathologie des Nachwuchses bei den Naturvölkern, 1919. — M, Schmidt,
Grundriß der ethnologischen Volkswirtschaftslehre, 2. Bd., 1921, S. 60ff.
2 Passarge a. a. O.