Mohamed Hatta. 155
soziale und nationale Struktur ist durch die Herrschaft des Großkapitals,
das als natürlichen Wächter die Kolonialregierung hat, entartet.
Es gibt in Indonesien keine soziale Gesetzgebung, die die Arbeiter vor
der Ausbeutung durch die mächtigen kapitalistischen Unternehmer schützt.
Die Arbeiter verdienen Hungerlöhne. Der mittlere Tagelohn beträgt 50 Cent
und ist zu wenig, um einen Arbeiter mit seiner Familie zu ernähren. Diese
sind daher einem physischen Zerfall unterworfen. Durch das Streikverbot
haben die Arbeiter kein Mittel, ihr elendes Schicksal zu verbessern. Weit davon
entfernt, die Arbeiter zu beschützen, hat die Kolonialregierung das System
der sogenannten Strafvollziehung eingeführt, das eigentlich wieder zur Skla-
verei zurückführt. Der Vertrag zwischen dem Unternehmer und den Arbei-
tern ist strafgesetzlich sanktioniert. Man hat allerlei Mittel benutzt, wie
z. B. die Begünstigung der Glücksspiele, für welche Vorschüsse gegeben
wurden, um nachher die Männer zu zwingen, einen Arbeitsvertrag für meh-
rere Jahre zu unterschreiben. Die Bauern mit Grundbesitz, die ihre Länder
der Zuckerindustrie verpachten, befinden sich in keiner besseren Lage. Sie
erhalten für die Vermietung ihrer Ländereien weniger als die Produkte wert
wären, die sie bei eigener Bebauung der Erde erhalten würden. (Manchmal
kaum die Hälfte.) Durch List und versteckten Zwang werden sie gezwungen,
ihre Ländereien abzugeben. Die Kolonialregierung ist dafür verantwortlich,
daß die indonesischen Massen in die größte Not geraten sind. Aber noch
mehr. Trotz dem steigenden Elend der Bevölkerung wurden die erdrückenden
Steuern fortwährend vermehrt. Dies bezieht sich vor allem auf die Periode
des Generalgouverneurs Fock (1921—1926).
Die öffentliche Hygiene, eine der Bedingungen des nationalen Wohl-
ergehens, wird schändlich vernachlässigt.
Die elenden Wohnverhältnisse in den Kampongs (Volksquartiere) über-
steigen jede Beschreibung. Ein großer Teil des Volkes wird durch eine
schreckliche Armut gezwungen, in Löchern zu hausen, wo er allen Arten von
Krankheiten ausgeliefert ist. Selbst im Zentrum von Batavia gibt es, trotz
des Bestehens eines Gemeinderates, Quartiere, die nur aus zerfallenen Woh-
nungen bestehen, und die selbst drei Tage nach dem Regen überschwemmt
bleiben.
Der Unterricht ist in dem gleichen erbärmlichen Zustande wie die Wohn-
verhältnisse. Trotz einer Herrschaft von mehr als 300 Jahren gibt es in
Indonesien noch nahezu 95%, Analphabeten. Das alte indonesische Er-
ziehungssystem wurde zerstört, ohne durch ein anderes genügend ersetzt
zu werden,
Vor dem Einbruch der Holländer konnte die Mehrzahl der Indonesier
lesen und schreiben. Die verbriefte Kompagnie hat dem ein Ende gemacht.
Bis 1858 war im Budget der Kolonie kein einziger Pfennig für den Unter-
richt der Eingeborenen vorgesehen, obwohl Indonesien Jährlich dem hol-
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