444 Walther Basson:
knüpften Fahrradteile-Großhandel, Die hier zwischen Industrie und
Handel bestehenden Konventionen und Preisbindungen verhindern die
Belieferung von Außenseitern-Handelsfirmen und verbieten den
Bezug von Außenseitern-Industriefirmen. Eine solche „Wirtschaftsehe"
zwischen Industrie und Handel erscheint deshalb zweckmäßig, weil die
herstellenden Fabriken nur an gewissen Orten des Landes bestehen,
wo die Arbeiterverhältnisse und Produktionsbedingungen besonders
günstig liegen. Ein direkter Absatz dieser Fabriken an vielleicht
20- oder 30 000 Fahrräder-Kleinhandelsgeschäfte ist technisch außer-
ordentlich schwierig, wenn nicht unmöglich und verschlingt eine Un-
summe von Reisespesen, Reklamekosten und anderen Propaganda-
mitteln, Der Absatz von Fahrradteilen mit Hilfe des Großhandels voll-
zieht sich daher wesentlich billiger und für die Fabriken einfacher, da
in einem Verbande vielleicht 400—500 Grossisten, die in allen Teilen
Deutschlands wohnen, vereinigt sind, deren Funktion die eines „Engros-
Sortimenters‘” ist. Wenn ein kleines Fahrradgeschäft nun gewisse
kleine Ersatzteile benötigt, so können diese sofort ohne große Mühe
und ohne wesentliche Spesen von dem in der betreffenden Stadt an-
sässigen Großhändler bezogen werden, der zumeist die gewünschten
Ersatzteile auf Lager hat. Es zeigt sich hier deutlich, da ßeineganz
erhebliche Verbilligung der Warenverteilung
durch ein zweckmäßiges Zusammenarbeiten zwi-
schen Großhandel und Industrie erzielt werden
kann, Naturgemäß läßt sich ein solches Zusammenarbeiten zwischen
Industrie und Handel nicht verallgemeinern, da ja in jedem Waren-
zweige die Verhältnisse grundverschieden sind und auch ganz ver-
schiedene Zusammenschlußkombinationen erfordern. Immerhin ist das
vorstehend angeführte Beispiel typisch für die wesentlichen Aufgaben
des Großhandels, zeigt es doch, daß die Hauptstärke in einer zweck-
mäßigen Verteilung der Ware an die weitverstreute Detailkundschaft
liegt und daß es sehr schwer hält, eine Verteilungsform zu finden, die
auch nur annähernd so billig und zuverlässig arbeitet wie der Groß-
handel,
Auch dieses willkürlich herausgegriffene Beispiel mag wiederum
zeigen, daß der Großhandel wirtschaftspolitische Aufgaben zu erfüllen
hat, die in ähnlicher Vollkommenheit von keinem anderen Wirtschafts-
zweige wahrgenommen werden können. Über die Zweckmäßigkeit
bzw. Rückwirkung der Kartellierung der Industrie auf den Großhandel
ist viel gestritten worden; während die einen der Ansicht sind, daß
der Großhandel, früher ein gleichberechtigtes Glied in der Wirtschaft
neben der Industrie, jetzt zum Diener der Produktionsgewerbe ge-
worden sei, vertreten andererseits namhafte Sachkenner die Auf-