Full text: Tonkunst, Bildende Kunst, Dichtung, Weltanschauung (E,1.1902)

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Dichtung. 
Gattungen und Formen unterscheiden. „Die erste Gattung 
bildet die einfache Geschichte, deren Erzähler in der Wirklich— 
keit umherwandelt, um hier ein Stück aufzulesen und dort ein 
Stück, und zwar in der Absicht, einfach zu fabulieren, was und 
wie es interessant erscheint, oder jedoch, um zu moralisieren 
und Belege zu schmieden. Die zweite Gattung ist die Novelle, 
die sich in den einzelnen interessanten Fall vertieft, um das 
seelische oder sonst welches Problem zu ergründen, das in dem 
Falle verborgen liegt. Die dritte Gattung bildet der Roman, 
welcher sich nicht begnügt, einzelne Stücke der Wirklichkeit 
dichterisch zusammenzuschweißen, sondern die Wirklichkeit selbst, 
wie sie der Zeit des Erzählers, dieser Zeit, die des Erzählers 
Augen allein durchforschen können, zu Grunde liegt, in ihrem 
Gesamtcharakter auffaßt und widerspiegelt.“ 
Diesen drei Gattungen der Prosaerzählung entsprechen 
dann drei idealische Gattungen der Erzählung in gehobener 
Sprache: das Epos, die Novelle in Versen und die Ballade. 
Für unseren Zeitraum ist es nun charakteristisch, daß diese 
idealischen Formen, namentlich im Beginn, viel weniger aus⸗ 
gebildet sind. Die Novelle in Versen bleibt ihrer thatsächlichen 
Durchführung nach durchaus eine Nebengattung, die Ballade 
wird sehr häufig ins Lyrische oder ins Dramatische gezogen 
und ist auch in dieser Durchbildung wenig beliebt; das Epos 
endlich geht in den wenigen Dichtungen, die ihm zuzurechnen 
wären, vielfach ins Philosophische und Lyrische über. 
Am bezeichnendsten aber ist, daß sich der Gang der Ent— 
wicklung als Ganzes nur an der Prosagruppe verfolgen läßt. 
Das soll nun im folgenden geschehen. 
Ehe aber der Faden der Erzählung aufgenommen wird, 
bedarf es einer kurzen Auseinandersetzung über das besondere 
Wesen der prosaischen Kunsterzählung und die in ihr ver— 
borgenen Komponenten. Eine solche Erörterung ist insofern 
nicht leicht, als es im ganzen 19. Jahrhundert keine allgemeiner 
angenommene und ganz selbständig durchgebildete Theorie der 
Hauptkunstform, des Romans, gegeben hat: denn Spielhagens 
hierher einschlagende Arbeiten, an die man zunächst zu denken
	        
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